Freitag, 5. Oktober 2012

Bildgestaltung, Bildaussage

...und das Ringen ums Motiv

Es ist keineswegs so, dass ich in München nicht genug Motive finden würde, aber manchmal tut ein kleiner Tapetenwechsel zwischendurch ganz gut. Also ergriff ich die Gelegenheit und begleitete meinen Mann nach Regensburg. Während er mit seinem Geschäftstermin beschäftigt war, bekamen meine Kamera und ich zwei Stunden "Auslauf". Eines der ersten Motive, das mir vor die Linse kam, war die Statue eines bayerischen Königs. 

Stop, Reiter will Straße überqueren!

Ein König, der  mit hoch erhobenem Zepter einen Zebrastreifen überwacht! Will er die Autos stoppen? Ich musste an Schülerlotsen denken und grinsen. Aber natürlich ist das kein schönes Foto im klassischen Sinn, und nicht jeder wird beim Anblick dieses Bildes meinen Gedankengängen folgen. Der Zebrastreifen ist nur in Form eines Verkehrsschildes zu sehen, und das kann man gut und gern als "störendes Bildelement" betrachten.

Mit den Begriffen Bildgestaltung - Bildaussage - Bildwirkung wird jeder konfrontiert, der "bessere" Fotos machen will. Wenn man vor dem Fotomotiv steht, fragt man sich: wie mache ich das jetzt?

Der erste Schritt besteht in der Beantworung der wichtigsten Frage überhaupt:
Was will ich mit meinem Bild von diesem Motiv ausdrücken?

Zuerst dachte ich daran, das Verkehrsschild weg zu lassen, aber es war gerade diese irritierende "Unordnung", die mich an dem Motiv so faszinierte. Diese erste Variante des Reiterstandbilds ist meine ganz persönliche Sicht der Situation.

Eine andere wichtige Frage lautet:
Wer wird sich dieses Bild später anschauen?

Die Beurteilung eines Fotos hängt stets von den Erfahrungen, Assoziationen und Meinungen bzw. den Erwartungen des Betrachters ab. Reiter, die schon mal in einer größeren Gruppe eine Straße überqueren mussten, werden beim obigen Motiv ganz andere Assoziationen haben, als fotografische Laien. Streetfotografen würden den realen Zebrastreifen mit dem Reiter kombinieren, und die Wettbewerbsfotografen klicken hier sowieso "Daumen runter/Skip". Wer schon länger fotografiert und seine Fotos präsentiert oder gar verkaufen will, wird sich vorher genau überlegen, was die späteren Bildbetrachter über das Motiv denken werden. Das wiederum bedeutet aber auch, dass man nicht mehr ganz frei in der Gestaltung ist. Was auf der einen Seite gut ist, weil es hilft die typischen Anfängerfehler zu vermeiden, kann auf der anderen Seite zum Problem werden, wenn man die eigene Bildidee hinten anstellt, und sich eher dem Geschmack des Zielpublikums unterordnet. Je genauer man seine Zielgruppe kennt (Community-Mitglieder, Wettbewerbsjuroren, Kunden...), desto einfacher ist die Entscheidung bei der Bildgestaltung bzw. Bildauswahl. Am einfachsten ist es, wenn man die Freiheit hat - oder sich die Freiheit nimmt - Fotos in erster Linie für sich selbst zu machen. Und selbst da gibt es immer noch viele verschiedene Möglichkeiten, wie man so ein Motiv im Foto umsetzt.


Guckst du Lampe

Hier kann man sehen, dass der Reiter neben dem Dom steht. Keine Rede mehr davon, dass ihm ein Zebrastreifen zu Füßen liegt. Die steile Perspektive mit dem Weitwinkel erzeugt stürzende Linien und da ist auch noch eine lästige Straßenlaterne am Draht. Gerne hätte ich den Reiter im Foto so platziert, dass das Zepter direkt auf die störende Laterne deutet. Dazu hätte ich einen Schritt weiter nach links gehen können, aber dann überschneiden sich die Figur und die Laterne mit dem Kirchturm. Die Idee, Lampe und Reiterfigur mit einander noch deutlicher in Beziehung zu setzen, wäre in der Unruhe der Architektur untergegangen. So bleiben zwei Optionen: Das Bild lassen, wie es ist, oder das störende Element "Lampe am Draht" weg retuschieren.

Es ist fünf vor eins!
Eine weitere Ansicht gibt es von der anderen Seite. Nun steht der König vor einem etwas ruhigeren Hintergrund, die Farben sind warm, die Linien einigermaßen gerade. Ganz ohne störende Elemente geht es auch hier nicht: Im Hintergrund kommen zwei helle Fahnenmaste hinzu, und der Laternendraht ist auch noch da. Trotzdem mag ich diese Variante lieber, als die nächsten beiden, denn es gibt einen Bezug zur umgebenden Architektur und die Größenverhältnisse sind noch erkennbar.

Ruhe reinbringen

Nimmt man nur den unteren Bildausschnitt als Querformat oder gar in Quadrat, bekommt man die ruhigste Ansicht des Reiterstandbilds.

Horrido!

Weniger ist mehr (?)
Da steht er nun und ist fast ein bisschen langweilig. Die Ausschnitte sind nachträglich angefertigt, würde man sie vor Ort gleich in diesem Format fotografieren, könnte man für die letzte Aufnahme noch etwas weiter nach rechts gehen und dafür sorgen, dass vor dem Reiter mehr Raum ist als hinter ihm. Außerdem könnte man den linken Fahnenmast noch vollständig hinter den Pferdebeinen verschwinden lassen, um später den rechten und die Reste des linken weg zu stempeln: Die optimale Perspektive (Aufnahmestandort, Brennweite, Bildausschnitt, Format) ist manchmal Millimeterarbeit.

Ich habe diese Details gar nicht in Erwägung gezogen, denn es war nie meine Absicht, ein frei gestelltes Reiterstandbild vor oranger Hausmauer mit nach Hause zu bringen. Solche Aufnahmen mögen Königsanbeter und Kunstinteressierte zufrieden stellen, mir sind sie zu tot. Meine Lieblingsaufnahme ist und bleibt das erste Bild mit dem Verkehrsschild, aber wenn ich mal wieder nach Regensburg komme, werde ich andere Ansichten dieses Motivs fotografieren. Je länger und je intensiver man sich mit einem Motiv befasst, desto mehr Möglichkeiten lassen sich heraus arbeiten.

Der König reitet ohne Sporen!

Die wichtigste aller Fragen bleibt stets:
Was will ich am Ende für ein Bild mit nach Hause nehmen - und warum gerade dieses?

Gehen Sie mit fünf Fotografen an einen Ort und lassen Sie jeden das gleiche Objekt fotografieren: jeder wird etwas anderes sehen und einen anderen Schwerpunkt setzen -  und das ist gut so.

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