Montag, 5. November 2012

Welche Kamera ist die richtige für mich?

Letzte Woche erreichte mich folgende Nachricht:
"Ich möchte mir eine neue Kamera zulegen: soll ich Canon oder Nikon nehmen?"

Ich gebe zu: Im ersten Moment bin ich regelrecht zusammengezuckt und mein erster Impuls war: was für eine dumme Frage! Aber mein spontaner Ausbruch war genauso dumm. Wer mich kennt weiß, dass ich kein Markenfetischist bin. So lautete meine erste Antwort:

Die Frage "Canon oder Nikon" ist ungefähr genauso zu beantworten wie: Ist es besser Nike- oder Adidas-Turnschuhe zu tragen? Ich würde sagen: es kommt viel eher drauf an, was man mit den Turnschuhen, respektive mit der Kamera machen will, und wie gut die Schuhe sitzen. Am besten gehst du in einen Laden und vergleichst die Kameramodelle von verschiedenen Herstellern. Was leisten sie in dem Bereich, der dich interessiert? Was gibt es für Zubehör, für Objektive? Was brauchst du für Objektive und was dürfen sie kosten? Welche Kamera ist besser in Sachen hoher ISO, Bildrauschen (da bin ich klar für Canon)? Wie liegt die Kamera in der Hand, wie sind die Funktionalitäten? Fühle ich mich damit wohl, wie die Knöpfe angebracht sind, wie die Menüstrukturen organisiert sind? Das muss man ausprobieren, und das geht nur, wenn man die Kameras in die Hand nimmt. Probier aus, welches System dir besser liegt.

So viel zur schnellen Antwort.
Und weil Weihnachten mal wieder vor der Tür steht, und auch heuer wieder viele Einsteigerkameras unter dem Tannenbaum liegen werden, ist es vielleicht auch an der Zeit, dem Thema Kameraauswahl einen etwas ausführlicheren Artikel zu widmen.

Gleich vorneweg gesagt: die eierlegende Wollmilchsau gibt es auf dem Kameramarkt genausowenig wie anderswo. Was die eine Kamera gut kann, kann das Nachfolgemodell womöglich nicht mehr, dafür kann der Nachfolger andere Sachen richtig gut. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher - leider. Bevor man sich also für ein Kameramodell entscheidet, sollte man möglichst genau wissen, was man mit dem Ding später alles machen will.

Es gibt tatsächlich so etwas wie ein "Zuviel" an Funktionen und Möglichkeiten, denn eine moderne Kamera versucht immer, es möglichst vielen Fotografen recht zu machen. Je mehr Funktionen sie bietet, desto mehr potenzielle Käufer gibt es; je höher der Absatz, desto niedriger der Stückpreis - das wiederum macht die Kamera noch attraktiver, denn die erste strategische Überlegung ist stets: was will ich für die Neue ausgeben?

Das zweite Kriterium, das ich oft in Kursen höre, lautet: Sie darf nicht zu groß und nicht zu sperrig sein. Darum greifen heute viele Leute eher zu den Systemkameras, zu Edelkompakten oder zu Bridgekameras, und wenn es eine DSLR sein soll, sind es meist die kleinen Einsteigermodelle.  Bei der Vielzahl an Marken und Möglichkeiten ist es mir schlichtweg unmöglich, jede Kamera zu beurteilen. Einen wirklich guten Überblick findet man auf den Seiten von digitalkamera.de, wo man sich die Wunschmodelle im direkten Vergleich anzeigen lassen kann.

Die technischen Funktionen sind aber nur eine Seite der Medaille. Viel wichtiger ist die Frage nach dem Fotografen.

Was für ein Fotografentyp sind Sie?


Profi
Sie wollen mit Ihren Bildern Geld verdienen und die Ergebnisse müssen höchsten Ansprüchen genügen: Sie brauchen ein Spiegelreflexkamerasystem und hochwertige Objektive, Budget: vierstelliger Euro-Bereich, nach oben offen

Semi-Profi
Sie fotografieren aus Leidenschaft, Sie haben Erfahrung und Sie wollen mehr. Ihr Geld verdienen Sie zwar mit anderen Dingen, aber gelegentlich fotografieren Sie auch für andere und auch gegen Bezahlung. Für Sie gilt langfristig das gleiche wie für den Profi, aber so lange Sie die Sache entspannt angehen, können Sie mit einem Spiegelreflex-System oder einer Systemkamera im mittleren Preissegment aufgrund Ihrer Erfahrung so gute Bilder machen, dass andere von Ihren Bildern beeindruckt sein werden.
Ausnahme: Sport- und Tierfotografen (siehe unten)
Budget: vierstelliger Euro-Bereich, manchmal auch darunter

Ambitionierter Einsteiger
Um alle Möglichkeiten der digitalen Fotografie zu nutzen und kennen zu lernen, benötigen Sie ein Spiegelreflex-System oder eine Systemkamera. Die Einsteigerklasse genügt, um Erfahrungen zu sammeln. Budget: dreistelliger Euro-Bereich, wenn Sie Geld zur Verfügung haben, kaufen Sie gleich von Anfang an hochwertige Objektive und tauschen Sie später das Kameragehäuse aus.

Gelegenheitsfotograf
Fotografieren sollte schnell gehen und die Kamera darf nicht zu sperrig sein: ein Spiegelreflexsystem ist Ihnen zu teuer aber vor allem zu unhandlich: Nehmen Sie eine hochwertige Kompaktkamera. Damit das Fotografieren nicht zur Frustnummer wird, spendieren Sie 350 - 500 EUR für eine Kamera, die einen möglichst großen Sensor hat, und Halbautomatiken sowie manuelle Steuermöglichkeiten bietet. Sollten Sie Lust auf mehr bekommen, ist ein Modell, auf der Sie einen externen Blitz anbringen können, empfehlenswert.

Hobbyknipser
Hauptsache Bild, alles andere nicht so wichtig: In der Preisklasse bis 150 EUR gibt es eine Menge Kameras, die bei schönem Wetter ordentliche Fotos machen. Erwarten Sie aber nicht, dass diese Kameras bei Dunkelheit oder bei Motiven im Schatten genauso gut funktionieren. Bildrauschen und rote Kaninchenaugen sind bei den ganz kleinen Kameras nahezu unvermeidbar.

Betrachtet man den Gesamtkomplex, wird das Fotografieren mit einer Spiegelreflexkamera im Lauf der Zeit zur Geldfrage, deswegen ist es wichtig, die Schwerpunkte (Lieblingsmotive) klar einzugrenzen. 

Fragen
die Sie sich stellen können, wenn es um die Auswahl eines Kameramodells geht:

Was wollen Sie fotografieren?
Die wichtigste Frage überhaupt! Gibt es einen Bereich, auf den Sie sich spezialisiert haben oder konzentrieren wollen? Für die am häufigsten fotografierten Motive eignet sich prinzipiell jede Kamera, Allround-Fotografen können daher mit jedem DSLR-Einsteigermodell, mit System-oder auch (hochwertigen) Kompaktkameras sofort loslegen. Landschaften, Naturaufnahmen, Reisefotografie, Schnappschüsse, gelegentliche Porträts usw. sind am wenigsten vom Kameramodell abhängig.
  • Wenn Sie oft bei wenig Licht (ohne Blitz und Stativ)  fotografieren, brauchen Sie eine Kamera, die auch bei hohen ISO-Werten rauscharme Bilder liefert. Kinder und Tiere gehören für mich in diese Kategorie, hier kommt erschwerend hinzu, dass die Kamera keine Auslöseverzögerumg haben darf.
  • Wer Action-Szenen einfangen will, sollte zu einer Kamera greifen, die im Serienbild-Modus viele möglichst hoch auflösende Bilder produzieren kann. 
  • Für Porträts würde ich immer zur Spiegelreflexkamera greifen, weil ich das Hantieren mit einer Kompaktkamera + und rückwärtigem Monitor höchst seltsam finde. Aber das ist vielleicht nur eine Frage der Gewöhnung. 
  • Für die Streetfotografie und das unbemerkte Fotografieren unterwegs bevorzuge ich die Kompakte, und auch 
  • bei Nahaufnahmen aus geringem Abstand entfällt bei Kompaktmodellen der Kauf eines teuren Makroobjektivs.
Stichwort Objektive
Je nach Motiv, brauchen Sie unterschiedliche Brennweiten. Die beste Qualität liefern an einer DSLR Festbrennweiten, aber dann müssen Sie ständig das Objektiv wechseln - dazu fehlt meist die Geduld. Die Kit-Objektive (18-55 mm) reichen nicht aus, um im Zoo ein Tierporträt schießen zu können, und auch für viele Reisemotive sind sie zu kurz. Für preisbewusste Einsteiger sind die so genannten Reisezooms (18 - 200 mm) ein passabler Kompromiss, den man später durch speziellere (Fest)Brennweiten oder hochwertige (sauteure) Zoomobjektive ersetzen kann.
Tier- und Sportfotografen benötigen (zusätzlich) Brennweiten von 200 mm bis 500 mm oder mehr. Bridgekameras bieten zwar eine enorme Zoomleistung, schwächeln dafür aber in der Bildqualität (Rauschen).  

Spiegellose Systemkameras sind derzeit auf dem Vormarsch. Meine bisherigen Erfahrungen damit sind noch gering, aber aktuell würde ich mir keine zulegen: Die Bildqualität ist oft erstaunlich, aber die Bedienung (viel Kameramenü) erinnert mehr an Kompaktkameras und ist mir zu umständlich. Viel Objektiv und wenig Kameragehäuse macht das Ganze zwar handlicher, fühlt sich aber in der Hand nicht gut an - dann lieber doch eine gute Kompakte.

Die Auflösung: Megapixel und Vollformatfragen
Möglichst viele Pixel sind kein Kriterium für die Qualität einer Kamera, denn es ist die Anzahl der Pixel im Verhältnis zur Sensorgröße, die darüber entscheidet, wie gut die Bilder auf technischer Ebene werden können. Eine Vollformatkamera mit einem 24x36 mm großen Bildsensor ist nicht nur teurer in der Anschaffung, sondern erfordert auch höherwertige Objektive. Wenn Sie mit dem Vollformat liebäugeln, müssen Sie u.U. Objektive, die an Ihrer Einsteigerkamera funktioniert haben, ausrangieren. Der Vorteil des Vollformats liegt einerseits in der hohen Auflösung und der Möglichkeit, hochwertige Bildausschnitte anfertigen zu können, zum anderen liefert der größere Sensor interessantere Abbildungseigenschaften (Schärfe, Schärfeverteilung, Bildrauschen).

Immer auf dem neuesten Stand sein?
Für manche Kamerabesitzer ist es wichtig, immer ein möglichst neues Modell ihr eigen zu nennen. Für ein aktuelles Modell zahlen Sie stets den höchsten Preis und die Lebensdauer Ihrer Anschaffung beträgt knapp zwei Jahre. Gebrauchtkameras lassen sich zwar weiterverkaufen, der Wertverlust ist aber deutlich. Der Griff zum Vorgängermodell spart Kosten - ähnlich wie beim Autokauf.

Besondere Funktionen?
Vor allem Kompaktkameras bieten heutzutage eine unglaubliche Vielzahl an kamerainternen Sonderfunktionen, die einerseits Spaß machen, die aber nicht immer gebraucht werden. Was ist Ihnen wichtig?
  • Hat die Kamera einen Bildstabilisator und eine automatische Sensorreinigung?
    (sollte sie haben, finde ich)
  • Fotografieren Sie mit hohem ISO oder lieber vom Stativ?
    Wenn Sie das Stativ und unbewegte Motive lieben, können Sie die ganzen Diskussionen ums Bildrauschen ignorieren.
  • Brauchen Sie für Ihre Motive extrem kurze Belichtungszeiten, evtl. auch in Kombination mit einem (externen) Blitzgerät?
    Es gibt auch Kompakte mit externem Blitz!
  • Wollen Sie im Studio fotografieren? (> Anschlussmöglichkeit für Studioblitz!)
  • Können Sie mit einer (geringen) Auslöseverzögerung leben?
  • Wollen Sie Mehrfachbelichtungen oder Intervallaufnahmen machen?
  • Nutzen Sie gerne mal Effekt-Modi, um Ihre Bilder aufzupeppen?
  • Wünschen Sie sich einen Panorama-Assistenten?
  • Wollen Sie Ihre Bilder in der Kamera bearbeiten können? 
  • ...
Mehr für weniger?
Je teurer die Kamera, desto weniger Funktionen. Wenn Sie ein Profi-Modell von Canon oder Nikon in die Hand nehmen, werden Sie feststellen, dass die Automatikprogramme fehlen und bei einigen Modellen auch kein eingebauter Blitz vorhanden ist. Je mehr der Fotograf kann, desto stärker reduziert sich die Funktionsvielfalt, weil das Ergebnis vor allem durch Ideen, Erfahrung oder situativ eingesetztes Zubehör (Blitzgeräte, Objektive, Reflektoren, Lichtformer) zustande kommt, und am Ende durch Bearbeitungen in Lightroom oder Photoshop optimiert wird. Die vielen Funktionen, mit denen sich die Kameras beim potenziellen Käufer beliebt machen wollen, verstellen leider den Blick auf die Tatsache, dass man das Knowhow, das man zum Fotografieren braucht, nicht mitgeliefert bekommt. Der hohe Preis für die augenscheinlich wenigen Funktionen in den Kameras der Profiklasse kommt durch die höherwertige Ausstattung der Kameras (Innenleben, Material, Verarbeitung) zustande. Als Einsteiger sollten Sie etwas mehr Geld und Zeit in Ihre Ausbildung investieren, und weniger in die Ausstattung der Kamera.

Canon oder Nikon - nicht nur eine Prestigefrage
Kamerahersteller gibt es viele, aber nicht alle sind am Markt gleich gut vertreten. Wenn Sie sich für eine Marke entscheiden, dann gibt es womöglich handfeste Gründe:
  • Sie haben bereits Objektive, die Sie an der neuen Kamera weiter verwenden können.
  • In Ihrer Familie / Ihrem Freundeskreis fotografieren mehrere Leute mit Marke A oder B, d.h. Sie können sich dort Tipps holen, Objektive oder anderes Zubehör ausleihen, wenn Sie sich für den gleichen Hersteller entscheiden.
  • Für die namhaften Marken gibt es am meisten Zubehör.
  • Sie kennen sich mit dem einen oder anderen System schon besser aus und müssen nicht umlernen.
  • Die Menüführung und Ergonomie von A oder B sagt Ihnen besser zu
Als alte Canonianerin habe ich mich in den letzten Monaten intensiv mit einem kompakten Gegenentwurf zu meiner heiß geliebten G11 von Canon auseinander gesetzt. Das Ergebnis kommt im Februar 2013 in den Handel, leider erst nach Weihnachten, aber ich wollte die Kamera wirklich auf Herz und Nieren testen, bevor ich mein Manuskript abliefere. So viel sei verraten: Sie hat ein paar kleinere Macken, aber sie hat sich in mein Herz geschlichen. Im Studio und für Porträts verwende ich weiter die Spiegelreflexkameras, aber für unterwegs ist so eine Kleine mittlerweile ein unverzichtbarer Standard.

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