Montag, 20. April 2015

Fotoverrückt















Am vergangenen Wochenende war wieder Messe und der Vierfarben-Verlag hatte mich gefragt, ob ich nicht einen kleinen Vortrag halten könne. Sowas macht immer ganz viel Arbeit, auch wenn es nur 30 Minuten sind. Je kürzer desto schwieriger, zumal Fotografieren eine komplexe Angelegenheit ist. Da ist keine Zeit, um ein Thema differenziert darzustellen.

Hinzu kommt bei öffentlichen Vorträgen, dass man nie weiß, wer im Publikum sitzt: Lauter Experten oder doch überwiegend Einsteiger? Meistens lautet die Antwort "sowohl als auch", was die Sache umso delikater macht. Der Experte langweilt sich womöglich, der Totalanfänger versteht nur Bahnhof. Das gleiche gilt übrigens auch für Videopodcasts: Als Referentin macht man stets einen Spagat. Beim Vortrag Fotografieren wie früher scheint dieser Spagat funktioniert zu haben. Eine wesentliche Aussage lautete: Fotografieren Sie, selbst wenn es nur mit der Automatik ist. Ich weiß, dass "der Profi" an dieser Stelle die Nase rümpft. Wie unprofessionell ist es denn, so etwas vorzuschlagen?

Die Antwort darauf gibt Prof. Dr. Gerald Hüther, einer der renommiertesten deutschen Hirnforscher. Das Geheimnis jedes Lernvorgangs ist Begeisterung.

Unser ganzes Leben zielt darauf ab, Leistung zu erbringen. Dieser Trend setzt sich mittlerweile auch im Privatleben fort. Er hat das Potenzial, selbst unsere Hobbies in ein Schlachtfeld von Konkurrenzdenken und Leistungsdruck zu verwandeln. Alles hat mal ganz entspannt angefangen: Wir wollten nur Fotos machen. Jetzt ist zu beobachten, dass alle auf dem Weg zum Superprofi sind und es gibt nur ein Ziel: Perfekte Fotos!

Es spricht nichts dagegen, sich (fotografisch) weiter zu entwickeln. Ich kenne das Gefühl nur zu gut und weiß, wie es ist, wenn man "Blut geleckt hat". Man möchte am liebsten nur noch fotografieren (Begeisterung pur!), man würde abends am liebsten die Kamera mit ins Bett nehmen oder gar nicht erst schlafen, weil es sooo viel zu entdecken und zu lernen gibt. Fotoverrückt sein dürfte in etwa dieselben neuronalen Zustände auslösen wie das Frisch-Verliebtsein im Frühling. In diesem Zustand überwiegt die Euphorie, die man voll auskosten kann, auch wenn einige Forscher diesen Zustand mit dem Wort "Unzurechnungsfähigkeit" beschreiben.  ;-)

Euphorische Glückszustände dauern nicht ewig an, das gilt erfreulicherweise auch für die unvermeidlichen Phasen der Frustration. Jeder Fotograf, egal ob Amateur oder Profi, erlebt diese Höhen und Tiefen, die Achterbahnfahrt der Gefühle. Wer mit dem Fotografieren besonders glücklich ist, oder gerade in einer Frustphase steckt, kann sich folgendes fragen:

  • Was macht mich beim Fotografieren besonders glücklich/zufrieden?
  • Wann/in welchen Zusammenhängen entsteht Stress?
  • Ist es das Fotografieren selbst, das mich begeistert/frustriert?
  • Geht es um das Miteinander mit anderen Menschen/Fotografen?
  • Befinde ich mich in einer Phase, in der es nur noch den zielorientierten "Tunnelblick" gibt?
  • Wo will ich eigentlich hin mit meiner Fotografie?

Den Tunnelblick gibt es auch während der Euphorie. Man übersieht manchmal, dass andere Leute ganz andere Bedürfnisse haben als man selbst. Die einen brauchen den Wettbewerb (höher, schneller, weiter > perfekt) für ihre Motivation, andere werden von hohen Ansprüchen eher entmutigt.

  1. Jeder Mensch - jeder Fotograf - braucht etwas anderes. 
  2. Jede Phase der fotografischen Entwicklung verlangt nach unterschiedlichen Vorgehensweisen und Methoden. Mal ist es die Einladung zum Knipsen, mal ist es die detailgenaue Schritt-für-Schritt-Anleitung für den Modus M.

Wer meint, dass es eine einzige glückseligmachende Strategie für alle gibt, die immer und überall gilt, kann sich genausogut aufmachen, und nach der allumfassenden Weltformel  suchen.

Niemand hat es schöner formuliert als Henri Cartier-Bresson:

Das eine Auge des Fotografen schaut
weit geöffnet durch den Sucher,
das andere, das geschlossene,
blickt in die eigene Seele.



Hier geht's zum Vortrag von Prof. Dr. Gerald Hüther
Gelassenheit hilft: Anregungen für Gehirnbenutzer


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