Montag, 18. Juli 2016

Das dritte Leben des Günter Spitzing

Wir leben in einer Welt, in der es zunehmend kriegerisch und ungerecht zugeht und das leider schon seit Jahren. Man muss entweder ziemlich ignorant, abgebrüht oder extrem ausgeglichen sein, um sich eine durchschnittliche Nachrichtensendung anzuschauen. Ratloses Schulterzucken kann man sich leisten, so lange man persönlich (noch) nicht betroffen ist. Es stellt sich immer mehr die Frage, welche Haltung wir gegenüber den äußeren Ereignissen einnehmen wollen. Als ich das Interview mit Günter Spitzing führte, bewegte sich das Gespräch in eine Richtung, bei der wir das Thema Fotografie verließen.

Der Günter Spitzing von heute engagiert sich für ganz andere Themen. Dennoch bedient er sich weiterhin der Fotografie. Warum und wie: hier erzählt er davon. Vielleicht ist dieser Teil der Interviewserie auch eine Inspiration für andere, die nach Wegen suchen, ihrer fotografischen Arbeit - oder ihrem Leben - eine tiefere Bedeutung zu verleihen.

Herr Spitzing, Sie haben an der Universität Hamburg Sprache und Kultur Indonesiens, sowie Religionswissenschaft und Ethnologie studiert und das Studium 1989 (im Alter von 58 Jahren!) mit einer Magisterarbeit abgeschlossen. Schon 1981 haben Sie begonnen, Bücher über südastasiatische und griechische Kulturen und Religionen zu schreiben. 

Wann begann Ihr Interesse an der asiatischen Kultur, was war der Auslöser? 

GS: Ich habe mich merkwürdigerweise von frühester Kindheit für fremde Völker und Kulturen interessiert. Im Haus des oben erwähnten Onkels hingen zwei japanische Farbholzschnitte, die mich fasziniert haben. Ich war noch in der Grundschule, da begann ich schon das Lindenmuseum in Stuttgart zu besuchen.





















Was fasziniert Sie an diesen Themen? 

GS: Einerseits interessiert mich die Formensprache. Das hat mich auch veranlasst traditionelle Schattenspielfiguren aus aller Welt zu sammeln. Die habe ich jetzt dem Schattenspielmuseum in Schwäbisch Gmünd gespendet, wo sie als geschlossene Ausstellung gezeigt werden. Ich habe aber schon 1968 im Blitzbuch darüber geschrieben. Mein Haus hängt zudem voller Gemälde aus Bali. Es ist aber natürlich auch die asiatische Geisteswelt, nicht zuletzt die asiatische Religiosität und vor allem Spiritualität, die mir bei uns etwas unterbelichtet erscheint. Ich konnte allerdings erst 1978 dorthin vereisen, zunächst nach Taiwan, dann immer wieder nach Bali, eine hindu-buddhistische Kultur mit der ich mich ganz besonders verbunden fühle.


Wenn man älter wird, ändern sich oft die Prioritäten im Leben. Welche Priorität (welches Thema, welches Interesse) hat sich bei Ihnen

  • überhaupt nicht geändert?
GS: Die Anziehungskraft, die fremde Kulturen auf mich ausüben, das Gefühl der Einheit mit allen Menschen dieser Erde. 

  • Was konnten Sie guten Gewissens über Bord werfen?
GS: 1945 war ich 14 Jahre alt. Damals nach dem Krieg, waren wir die Meinung jetzt kann nur noch alles besser werden. Die freie Marktwirtschaft hielten wir, nicht zuletzt, weil wir von der Zwangswirtschaft die Nase voll hatten, für das Non.Plus-Ultra. (Ehrhards soziale Marktwirtschaft war natürlich auch noch ein bisschen was anderes.) 

In Ihrem Buch „Ethik für Unmoralische“ nehmen Sie kein Blatt vor den Mund, bezeichnen es als „geistige Bombe“ und fordern zu „unmoralischem Handeln“ auf. Ihre These lautet: Unser aller Problem ist die bürgerliche Gesellschaft. Wer sich ihr fügt, ist konsequenterweise von ihr abhängig. Die Leine, die uns an sie fesselt, ist die Moral. Wenn wir uns von ihr gängeln lassen, werden wir fremdbestimmt.“


Waren Sie früher auch schon politisch oder sozial engagiert oder ist das Interesse erst später gewachsen?

GS: Politisch und vor allem sozial interessiert war ich schon immer. Wenn man den letzten Weltkrieg bewusst erlebt hat ist man in der Beziehung „erweckt“.  

Wurden Sie wegen Ihrer Ansichten bzw. wegen ihrer neueren Bücher auch schon angefeindet?

Die Zuschriften, die ich erhalten, sind in der Regel positiv. Dass einem mal was nicht gefällt und dies etwas ruppig äußert, kommt schon mal vor. Aber Anfeindungen möchte ich das nicht nennen. Allerdings, wenn man sieht, wie sich derzeit in Politik und Medien Hass und Aggression ausbreiten, ist zu vermuten, das sich, dass ich in Zukunft doch auch mit Feindseligkeiten zu rechnen habe. 

Haben Sie das Gefühl, etwas verändern zu können?
    • Eher durch Ihre Bücher
    • Eher durch Ihre persönliche Arbeit mit den Menschen oder
    • Eine Kombination aus beidem?

GS: Eine Veränderung der Wirtschaft, der Produktion und der sozialen Verhältnisse ist unbedingt erforderlich. Dafür müssen wir uns mit allen Mitteln , die uns zur Verfügung stehen ein setzen. Wenn unsere persönlichen Einwirkungsmöglichkeiten auch relativ gering sind, dürfen wir uns nicht davon abhalten lassen, dafür aktiv zu kämpfen, dass sie Welt eher besser, als schlechter wird.

Worüber können Sie sich so richtig ärgern?

GS:
  1. Darüber, das alles nur noch aus wirtschaftlicher Sicht gesehen wird, und die Politik auch so handelt.
  2. Darüber, das sich mit TTIP und CETA die Politiker selbst an Großkonzerne ausliefern, und dies praktisch ein Ende der Demokratie bedeutet.

Worüber freuen Sie sich, wo sehen Sie Fortschritte?

Eine Antwort darauf gab es nicht, aber im Gespräch habe ich herausgehört, dass es Fortschritte nur da geben kann, wo man selbst aktiv handelt. Wie und wo man sich engagiert, kann sich jeder selbst aussuchen. Wichtig ist nur, dass man die Verantwortung nicht dauerhaft an andere delegiert.

Anstatt sich zurückzulehnen, reist Günter Spitzing jedes Jahr nach Indien, um selbst bei den Menschen zu sein, für die er sich einsetzt. Wie er dazu seine alte Leidenschaft - die Fotografie -  nutzt, erzählt er das nächste Mal.

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Die Interviews im Überblick:



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