Montag, 29. August 2016

Fotografieren oder "Bildermachen"

In manchen Dingen bin ich eine ungeduldige Menschin. Als Kind habe ich viel gemalt und gezeichnet, aber je älter ich wurde, desto weniger Muße hatte ich dafür, und das, obwohl es noch keine Computer, geschweige denn Internet gab.




















Beim Fotospaziergang am vergangenen Wochenende saßen zwei Leute im Schatten und skizzierten das Gebäude, das ich gerade fotografiert hatte. Sie haben viel Zeit für ein Bild investiert, das man mit einer beliebigen Kamera ganz schnell im Vorbeigehen "mitnehmen" kann. Nun ja. Schnell im Vorbeigehen knipsen kann jeder. Das sieht dann ungefähr so aus:










Das war aber nicht das Bild, das ich von diesem Gebäude am Ende haben wollte. Wenn ich fotografiere, habe ich meistens schon eine klare Vorstellung davon, ob und wie ich das Bildmotiv hinterher entwickle oder verfremde. Das war auch hier der Fall. Das Endergebnis - sagen wir: eine Version des Endergebnisses - sieht so aus:























Wer sich mit Bildbearbeitung ein wenig auskennt weiß, dass hier eine ganze Menge passiert ist. Das ist ein Foto, aber es ist kein Foto mehr: es ist ein Bild.
Wer es genau wissen möchte: Die RAW-Datei wurde in Lightroom entwickelt, zugeschnitten und die Linien perspektivisch korrigiert. Anschließend kam Color Efex Pro 4 zum Einsatz. Das ist ein Teil der Nik Collection Software, die es seit dem Ende von Picasa kostenlos bei Google zum Herunterladen gibt. Bei mir läuft sie als Photoshop-Plugin. Danach habe ich das Motiv in Photoshop noch einmal in zwei Ebenen übereinandergelegt, eine schwarzweiß, die andere in Farbe. Das selektive Entfärben erfolgte manuell durch Wegradieren der farbigen Bereiche in der oberen Ebene. Anschließend kam noch einmal Color Efex zum Einsatz.

Sicher gibt es Leute, die Effekte und Bearbeitungen generell nicht mögen. Trotzdem sind die meisten "Fotografen" heute mehr denn je "Bildermacher". Allein die Farbwiedergabe moderner Kameras sorgt häufig für eine Überhöhung der Wirklichkeit: unsere Bilder sind bunter und schärfer als je zuvor.


Klassisches Foto - out of cam
Der Blick des Fotografen zählt nach wie vor.
Die Virtuosität, mit der jemand die Methoden des klassischen Fotografenhandwerks anwendet, macht aus schnöden Motiven immer noch etwas Besonderes. Die reine Reproduktion des Gesehenen reicht heute aber oft nicht mehr aus. Weil es so unendlich viele Fotos gibt, werden die unverfälschten fotografischen Abbildungen eines vorhandenen Objekts zunehmend uninteressanter. Der seit Jahren herrschende Trend zum geschönten Bild wird durch die vielen Apps fürs Handy und entsprechende "Kreativmodi" in den Kameras verstärkt. Wir sehen also fast nur noch Fotos, die eigentlich "Bilder" sind. Die sogenannte "Wirklichkeit" ist nur eine Vorlage für die Bilder in unseren Köpfen, die wir dann mit digitalen Mitteln zu einer neuen fotografischen Wirklichkeit werden lassen.




Software-Tools wie Neat Projects Professional, mit dem man störende Passanten aus einem Bild schnell und einfach entfernen kann, sind ein weiteres Indiz dafür, dass der durchschnittliche Anwender keineswegs an Fotos interessiert ist, die die Welt so zeigen, wie sie ist. Nein, wir wollen die Bilder machen, die die Welt so zeigen, wie wir sie gerne sehen. Das kann man bedenklich finden und kritisieren, oder mit Interesse beobachten.

Was wir beim Fotografieren und / oder per Bildbearbeitung aus der Wirklichkeit machen, ist ein sehr kreativer Prozess. Bildermachen ist nicht besser oder schlechter als das klassische Fotografieren, oder als das klassische Malen bzw. Zeichnen. Ich finde es schön, dass es so viele Möglichkeiten gibt. Ich werde sie alle weiterhin bzw. wieder nutzen, und miteinander kombinieren. Ich bin mir aber stets im Klaren darüber, dass die Fotos, die ich in den Nachrichtenmedien oder in der Werbung präsentiert bekomme, auch nur "Bilder" sind, die sich ein mehr oder weniger kreativer Kopf ausgedacht hat.

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