Dienstag, 6. September 2016

Best practice in der Fotografie

Hätte van Gogh sich an die "besten Praktiken" von Rembrandt gehalten, hätte er wie Rembrandt gemalt.


Den Begriff "Best practice" hörte ich zum ersten Mal, als ich noch im "Backoffice" einer Unternehmensberatung arbeitete. Die Berater schwärmten aus zum Kunden, in den Projektteams wurde darüber nachgedacht, wie man effizienter, besser und erfolgreicher werden könne. Dabei schaute man sich an, wie andere Unternehmen die Herausforderungen bewältigten.


Beste Praktiken anwenden heißt: Lernen von den Besten, ihre Methoden und Strategien analysieren und auf die eigene Situation anwenden.

So weit so gut. Lernen von erfolgreichen Unternehmen oder Menschen ist nicht verkehrt.  Durch die "Best practice" Methode entwickelt sich im Lauf der Zeit ein gewisser Standard. Oftmals werden diese Besten Praktiken auch nur kopiert: Man macht es wie die anderen. Die Qualität von Arbeitsmethoden verbessert sich insgesamt, doch es gibt auch eine Kehrseite: Alles was nicht "Best practice" ist, hat es erst einmal schwer. Neue, unerprobte, und möglicherweise ineffizientere Lösungsansätze werden gar nicht erst verfolgt. Man will den Anschluss nicht verpassen, kein Risiko eingehen. Inzwischen hat man erkannt, dass "die besten Praktiken nie zugleich State of the Art sein können, da sie per Definition auf Bewährtes aus der Vergangenheit setzen." (Wikipedia) 

In der Fotografie gibt es diese besten Praktiken auch. Bestimmte Vorgehensweisen haben sich etabliert. Unisono verkünden erfahrene und erfolgreiche Fotografen und Buchautoren, wie man am besten vorgeht, damit man dieses oder jenes Ergebnis erzielt. Dazu gehören harte Fakten, z. B. handwerkliche Methoden im Umgang mit der Kamera (z.B. benutze ein Stativ für Langzeitbelichtungen) oder technische Voraussetzungen (z.B. ein lichtstarkes Objektiv nebst Vollformatsensor ermöglicht eine andere Schärfentiefewirkung). Bei den weichen Faktoren wird es schon diffuser: Der Goldene Schnitt ist eine wirkungsvolle Gestaltungsregel, die man aber nicht immer anwenden muss. Dann gibt es noch die äußeren Umstände: Auf Wetter und Licht hat man nur bedingt Einfluss, und Zufall ist ein Faktor, den man nicht planen kann.

Fototipps orientieren sich nur an den gängigen Standards. Sie sind hervorragend dazu geeignet, sich mit den Grundregeln vertraut zu machen und das Handwerk zu trainieren. Wenn man diese Regeln kennt und anwendet, werden die Fotos besser. Besser bedeutet in diesem Fall, dass die Bilder ein Niveau erreichen, das technisch und gestalterisch Best-Practice-Kriterien erfüllt. Wenn man das regelmäßig schafft, ist der Schritt vom Einsteiger zum Fortgeschrittenen vollzogen. Nach der Pflicht folgt die Kür. Jetzt ist in der fotografischen Entwicklung Kreativität gefragt. Es wird schwieriger mit der Beurteilung von Bildern, denn wir kommen in den Bereich des persönlichen Geschmacks.

Worüber man in Fototipps am wenigsten hört oder liest ist der Faktor Mensch. Ich wage zu behaupten, dass es vor allem auf dieses Element ankommt. Trotzdem ist die Person, die den Auslöser betätigt, in der Welt der Fotografie immer noch eine Art "blinder Fleck". Handwerklich ist man top, aber es ist unverfänglicher, über Kameras, Objektive und Fototaschen zu reden. Wenn wir über Sensorgröße, Abbildungsleistung, Rauschverhalten und punktgenaue Schärfe diskutieren, müssen wir nicht erklären, warum wir dieses oder jenes Motiv fotografieren, warum es uns bewegt, und warum wir es genau so abbilden und nicht anders.

Solche Fragen sind nicht so leicht zu beantworten, wie die Frage nach dem richtigen Autofokusmodus. Sie sind aber wichtig, denn nur wenn ich weiß, was ich will, kann ich meine Kamera "richtig" einstellen. Wenn ich ein Bild im Stil von Rembrandt oder van Gogh machen will, und mir das Handwerkszeug dafür angeeignet habe, ist es keine große Sache mehr, diesen "Look" hinzubekommen. Das macht aus mir aber keinen neuen Rembrandt, sondern bestenfalls einen guten Nachahmer. Wozu diese Entwicklung inzwischen geführt hat, beschreibt Bernd Ziesemer in seinem Artikel "Bildsprache der Verblödung".

Fotoamateure (Amateur = jemand, der etwas aus Liebhaberei tut) haben alle Freiheiten zu experimentieren und müssen sich gerade nicht einer wie auch immer gearteten Bildästhetik unterordnen. Was also ist das ganz Besondere und Eigene, das Ihre / Deine Fotografie ausmacht?

Ahmen Sie niemanden nach - seien Sie Sie selbst.
(Dale Carnegie)


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