Montag, 10. April 2017

Smartphone oder Kamera?

Nach dem Artikel zu den aktuellen Kameratrends hat mir Snoopy eine interessante Mail geschrieben, auf die ich so antwortete:

Ich glaube ja, dass wir immer besonders "anfällig" für Neuigkeiten sind, die unsere eigene Weltsicht bestätigen. Darum freut es mich umso mehr, dass Du mir eine andere Perspektive aufzeigst.













Eine ganz andere Perspektive
Aus Sicht eines analogen SW-Fotografen ist ein Comeback der Filmkameras und der dazugehörigen Filmmaterialien zu beobachten. Hinweise dafür sind zum Beispiel, dass Nikon die F5 wieder auflegt, Fuji bringt Filme, Foma neue SW-Papiere und -Filme und auch Ektachrome kommt wieder neu heraus. Nachdem der Umsatz für analoge Filme jahrelang fast auf Null zurückgegangen war, berichtet ein Grosshändler, dass sich der Umsatz nun seit Jahren jedes Jahr wieder verdoppelt. Es scheint sich also für einige Betriebe wieder zu lohnen, Kameras und Filme neu aufzulegen. Das Interesse an Kursen für Filmentwicklung und Dunkelkammerarbeit wächst ebenfalls, sogar bei sehr jungen Teilnehmern. 

Dass dies keine rein subjektive Wahrnehmung ist, belegt der Artikel von Photoscala aus dem Februar dieses Jahres. Wenn die Hipster in New York vermehrt zu analogen Filmkameras greifen, dürfte dieser Trend auch zu uns herüberschwappen. Wer seine analogen Kameras immer noch nicht entsorgt hat, kann sie bald wieder aus dem Vitrinenschrank holen. Worin Snoopy und ich völlig einer Meinung sind:

"Egal ob Film oder Sensor: jedes Medium hat Möglichkeiten und Grenzen, die man lernen muss."

Analog fotografiert, später digitalisiert















Ich wage zu behaupten, dass es einfacher ist digital zu fotografieren. Wer heute von digital auf analog umsattelt, wird ein paar herbe Enttäuschungen einstecken. Farbstiche und Unschärfe gab es früher schon. Wer analog fotografiert, muss mehr wissen als ein Digitalfotograf, denn die analoge Kamera hat weniger "unterstützende" Funktionen. Weil man das Ergebnis erst sehr viel später sieht, hat man auch keine Chance, das Motiv unter den gleichen Bedingungen noch einmal zu fotografieren. Wer sich über das Bildrauschen ärgert, wird sich wundern, wie "Filmkorn" aussieht. Spätestens in der Dämmerung oder beim Versuch, im Innenraum einer Kirche ein paar Fotos aus der Hand zu machen, wird sich der analog experimentierende Digitalfotograf wünschen, er hätte einen Film mit mehr ISO in der Kamera. Dann wird er entweder sein Stativ aufbauen oder das Smartphone zücken. 

Frustrationen aushalten und trotzdem weitermachen
Wir haben uns an die Vorteile der modernen Technik und an die schnellen Medien gewöhnt. Jeder Klick oder jeder Wischer auf einem Bildschirm führt zu einer unmittelbaren Reaktion, wir bekommen ein Ergebnis oder eine Rückmeldung. Es scheint etwas zu fehlen, wenn nach dem Auslösen einer analogen Kamera nichts passiert. Diese Langsamkeit ist ein hervorragendes Mittel zum Entschleunigen, aber auch um Geduld zu lernen.

Eine weitere Besonderheit ist die Menge an Bildern: nach 24 oder 36 Fotos pro Film ist erst mal Schluss. Wir müssen uns entscheiden, was wir fotografieren wollen und wir tun gut daran, es gleich beim ersten Mal richtig zu machen. Das fördert die Konzentration und es spart Zeit. Fünftausend Bilder an einem Nachmittag verknipsen können wir nur digital. Allein die Kosten für das Negativmaterial würde eine solche Bilderflut verhindern, und das ist gut so. Mal ganz ehrlich: Wer sitzt gerne vor einem Computerbildschirm und sucht aus fünftausend Bildern die zehn besten aus?

Software vs. Dunkelkammer
Was Snoopy an den Digitalkameras stört, ist auch die Tatsache, dass man den Software-Schreibern der Kamera mehr oder weniger hilflos ausgeliefert ist, zumindest als JPEG-Fotograf. Die Qualität der JPEG-Dateien ist softwareabhängig und folglich auch  nur im Rahmen dieser Software änderbar. Beim analogen Fotografieren kann man unterschiedliche Filmmaterialien wählen, die alle ihre ganz eigene Charakteristik haben, sowohl in SW wie auch in Farbe.

Dem wird jeder Smartphone-Fotograf entgegenhalten, dass er lieber eine App auf das Bild anwendet, und so eine Vielzahl an möglichen Versionen eines Motivs ausprobieren kann - vor oder nach der Aufnahme. Hinzu kommt, dass man mit der - mittlerweile kostenlosen - Nik-Software von Google jeden nur erdenklichen Filmtyp auf digitale Bilder anwenden kann, auch auf JPEGs.



Welche Kamera, welchen Film hätten Sie denn gerne dabei gehabt?

Mit Analog Efex oder Silver Efex lassen sich analoge Filmtypen per Mausklick simulieren, in Farbe oder Schwarzweiß.





 

Dass so ein Bild nicht dasselbe ist wie ein Analogfoto, steht außer Frage. Beim analogen Fotografieren sind Wissen und handwerkliches Geschick gefragt. Für viele ist es eine Frage der Haptik: Film einlegen, Filme und Bilder entwickeln, echte Fotos anfassen ist ein ganz anderes Erlebnis, als ein Handy mit den Worten "Klick!" oder "Aufnahme!" auszulösen.

Wenn es (nur) um einen ganz bestimmten "Look" von Bildern geht, hat man digital mindestens genauso viele Möglichkeiten wie analog. Dennoch: beides muss man erst lernen. Es dauert, bis man zum Dunkelkammer-Profi wird, und es dauert mindestens genauso lange, bis man die vielen Finessen verschiedener Bildbearbeitungsprogramme "draufhat".

Profis arbeiten wieder analog?
Manche Profis greifen wieder zum Film und lassen ihre Bilder oder Negative bei Bedarf scannen. Sogar Kunden fordern wieder einen analogen Workflow, schreibt Snoopy. In bestimmten Branchen macht das vermutlich Sinn. Ich kenne eher die Situation, dass die soeben gemachten Bilder noch am gleichen Tag ins Netz oder per Mailverteiler an die Teilnehmer einer Veranstaltung geschickt werden müssen.

Das Schöne ist, dass es beide Möglichkeiten gibt. Ich würde es bedauern, wenn die Analogfotografie aus unserem Leben verschwände. Auch wenn ich selbst keine großen Ambitionen habe, damit wieder anzufangen, wünsche ich mir, dass diese Option bleibt. Es könnte ja sein, dass ich meine Meinung eines Tages ändere.

Sind die digitalen Flitterwochen vorbei?
Ich würde sagen die Ehe hat längst begonnen und die Rollenverteilung ist klar. Erst wurde die Digitalfotografie verlacht, dann hat sie die analoge Fotografie in die Ecke gedrängt. Nun befreit sich die Analogfotografie wieder ein Stück weit und kommt als Retro-Trend zurück.  Es ist genau wie bei der Schallplatte. Dennoch halte ich es für unwahrscheinlich, dass die breite Masse diesen Weg zurück mitmacht. Die Schallplatte ist etwas für Genießer und Spezialisten, die Mehrheit streamt oder lädt Musik aus dem Netz. Geldverdienen kann man mit jedem Format. Solange es genug Menschen gibt, die Filme kaufen, werden sie uns erhalten bleiben. Betrachtet man die absoluten Zahlen, dürften es ruhig noch ein paar Analogfotografen mehr sein, denn viele der "guten alten Sachen" gibt es (momentan) leider nicht mehr. Da kann ein wenig mehr Nachfrage nach Filmen und Papieren nicht schaden.

Mit dem Smartphone aufgenommen.

Als Optimistin bin ich zuversichtlich, dass sich Herr Analog und Frau Digital in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gut miteinander arrangieren werden. Sie hat das größere Netzwerk, er trifft sich mit seinen Kumpels in der abgedunkelten Garage. Sie druckt ihre Bilder aus, er scannt seine Negative ein, und die Werke der beiden kann man entweder analog in einer Galerie oder digital im Netz bewundern.

Freuen wir uns also auf die friedliche Koexistenz beider Welten. Über den Tellerrand gucken hat noch nie geschadet. im besten Fall ergänzen sich die verschiedenen Medien und jeder lernt etwas dazu :-)

Wer jetzt Lust bekommen hat, zum Beispiel auf analog schwarzweiß, kann sich ja mal bei der örtlichen Volkshochschule kundig machen.



Sollte Interesse an einem Fotospaziergang mit analogen Kameras bestehen: das kann ich arrangieren. Zur Nachbesprechung der Aufsichtsvorlagen müssen wir uns dann ein zweites Mal persönlich treffen. Vor Ort und ganz real.

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