Freitag, 26. Februar 2016

Was ist ein gutes Foto?


Als ich vor einigen Tagen den aktuellen Prophoto Newsletter erhielt, tauchte diese uralte Frage wieder einmal auf. Etwa so wie im unten verlinkten Artikel hätte ich diesen Text vermutlich auch formuliert. Wahrscheinlich habe ich das sogar schon getan, in irgendeinem oder in mehreren meiner Bücher. Die Antwort ist eigentlich immer dieselbe:  

Es kommt drauf an ;-)

Aber worauf genau? Um das etwas zu konkretisieren, stelle ich gerne folgende Fragen:
  • Was wollte der Fotograf bzw. die Fotografin mit dem Foto ausdrücken?
    Was war die Idee? Kommt die Idee beim Betrachter an?
  • Wo und wem werden die Bilder gezeigt?
    Sind sie rein privat oder öffentlich?
    Wem sollen sie gefallen?
  • Welchen Zweck haben sie (Erinnerung, soziales Netzwerk, eigene Homepage, Wettbewerb, Auftrag, ...) ?

Manchmal bin ich mit der Kamera unterwegs, um klar definierte Aufnahmeserien zu machen. Dafür suche ich Motive, bei denen wichtige technische oder gestalterische Grundlagen deutlich und möglichst nachvollziehbar im Bild zu sehen sind. Diese Fotos müssen dann auch möglichst ansprechend ("schön") sein. Diese Arbeiten würde ich als solides Handwerk bezeichnen.

Parallel dazu fotografiere ich aber auch immer "privat". Viele dieser Bilder entstehen intuitiv, also ohne großes Nachdenken über das Warum. Ich sehe etwas und weiß sofort: Ja, das ist es. Ob andere Leute mit solchen Fotos etwas anfangen können, ist immer eine Frage des Geschmacks. Der eine mag Sellerie, der andere nicht.

Bei aller Intuition laufen während des Fotografierens in meinem Hinterkopf Dutzende von Prozessen ab, die dafür sorgen, dass das Gesehene zu einem möglichst "guten" Foto wird. Gut bedeutet in diesem Kontext für mich,
  • dass alle Bildelemente drin sind, die ich für wichtig halte
    (> Bildaussage)
  • dass Störendes außen vor bleibt (> Ästhetik), und 
  • dass das Foto scharf oder unscharf ist, heller oder dunkler - je nach Motiv (> Technik)

Klick aufs Bild für vergrößerte Ansicht

















Hier waren es vor allem die Schatten auf der Mauer, die mich dazu brachten, auf den Auslöser zu drücken. Die grafische Wirkung von Licht, Schatten, Strukturen und Farbe finde ich generell reizvoll. Der Schatten der Fotografin unten links im Bild ist für mich genauso wichtig wie der Schatten der Laterne. Dieses Bild hätte ich auch gemacht, wenn es an der Wand keine Schriftzüge gegeben hätte.

Text im Bild, den ein Betrachter lesen können muss, um die Bildbotschaft zu verstehen, gilt in Wettbewerben und bei manchen Fotografen als K.O.-Kriterium. Ein Foto mit Text "spricht nicht für sich", heißt es oft. Manchmal sehe ich das auch so, manchmal nicht - es kommt drauf an. Wenn ein Plakat, Schild, Graffiti etc. Teil einer größeren Szene ist, und wenn sich aus der Kombination der Bildelemente eine neue, ganz besondere Interpretationsmöglichkeit für das Motiv ergibt, sollte man als Fotograf auf dieses Element nicht verzichten. Bei Wettbewerbseinreichungen würde ich dennoch davon abraten.

Dieses Bild schlummerte zweieinhalb Jahre im Archiv. Als ich es neulich ausgrub, war ich verblüfft, denn ich hatte etwas übersehen. Rechts neben dem Schatten der Laterne steht etwas an der Mauer, worauf ich bisher noch nie geachtet hatte. Es musste erst eine neue Situation eintreten, damit ich dieses winzige Bildelement überhaupt wahrnehmen konnte - sozusagen ein blinder Fleck.

So einen Aha-Effekt beim Betrachten älterer Bilder erlebe ich nicht zum ersten Mal. Manchmal mache ich Fotos, die ich nicht so richtig einordnen kann. Sie sind oft nicht schön, ich finde sie auf den ersten Blick nicht "gut" und der Finger zuckt auf der Löschen-Taste. Jahre später kommt dann aber oft ein Moment, in dem ich erkenne, welche Bedeutung solche Bilder für mich haben. Das ist eine absolut subjektive Sache. Die Bilder werden dadurch nicht besser oder schöner, aber sie bekommen eine für mich nachvollziehbare Bedeutung. Der Blick ändert sich.

Wer nach "guten Fotos" strebt, die schön und bewunderungswürdig sind, muss sich am Zeitgeist orientieren, also Bilder anschauen, die z. B. bei Wettbewerben erfolgreich waren oder von anerkannten Erfolgsfotografen stammen. Durch die Nachahmung eines Erfolgskonzepts ("Postkartenfoto") kann man sehr viel lernen. Trotzdem stellt sich nach einer Weile eine gewisse Unzufriedenheit und Langeweile beim Fotografieren ein. Die meisten Leute sind dann erst einmal schrecklich frustriert und legen die Kamera beiseite. Ich weiß inzwischen, dass Langeweile ein sicheres Zeichen dafür ist, dass eine neue Phase des fotografischen Schaffens vor der Tür steht.

Dann muss jeder für sich entscheiden, ob er/sie diese Tür aufmacht. Was man dabei vorübergehend oder ganz über Bord werfen kann, ist die Frage Was ist ein gutes Bild (Artikel bei Prophoto Online).

Stattdessen würde ich lieber fragen:
Macht mich das Fotografieren glücklich? 
Meine Antwort darauf ist ein klares JA.

Kommentare:

  1. Liebe Jacqueline,

    ja, was ist ein gutes Foto.
    Ich bin ja beruflich ein großer Freund der Theorien von Schulz-von-Thun und Watzlawick. Davon abgeleitet ist das 4-Augen-Modell von Zurmühle.
    Da geht es auch um ähnliche Fragestellungen.
    Ist das Bild formal korrekt (Aufbau, technische Umsetzung etc.)
    Erzählt das Bild eine Geschichte?
    Übermittelt das Bild Gefühle?
    Und: Was erzählt das Bild über einen Fotografen?

    So. Wenn ich jetzt aber 180 Grad konträr zu dem Fotografen lebe, also zB mit Street einfach nix anfangen kann, dann werde ich zur Geschichte, zu den Gefühlen und zum Fotografen nix sagen können (oder besser: Ich sollte nix sagen).
    Was bleibt ist die Technik. Wie? ISO 3200? Tja, da sieht man mal wieder wie grottig die XYZ 9876X Kamera performt. Hat ja kein Vollformatsensor. Nur der ist geil. Und nur mit einem 50mm/0.95 für XXXX €! Drunter brauchst du nicht anfangen... Du kennst diese Gespräche, oder?

    Das Problem von Sender und Empfänger ist allgegenwärtig. Und die Herren der Fotografie (und nur die....!) lassen sich ja gar nicht auf Gefühl, Geschichte und Mensch ein.
    "Wow! Da hast du den Moment am Strand toll eingefangen. Fühlt sich warm an, die Sonne, am untergehen. Hach, was wäre ich da jetzt auch gerne und würde da einen Martini trinken. Bin total neidisch auf deine Möglichkeiten zu reisen.". Sowas sagt ein Mann nicht.

    Von daher.

    Was ist ein gutes Foto?

    Wenn es mir Spaß macht und ich damit Gefühle verbinde.

    Alle anderen sind mir (fast) egal... ;-)

    Bis bald mal wieder!

    lg, oli

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  2. Lieber Oli,
    ja, diese Gespräche kenne ich gut. ;-)
    Schulz-von-Thun & Watzlawick sind gute alte Bekannte, das Zurmühle-Buch steht im Regal. Ich sehe drei grundlegende Ansätze:

    1. sich anhören, was die Experten (echte und vermeintliche) sagen und ihnen folgen. Das bedeutet oft, dass man die eigenen Ideen und Neigungen unter den Teppich kehrt.

    2. sich anhören, was die Experten sagen, und eigene Schlüsse daraus ziehen. Nehmen, was man gut findet und worin man sich wiederfindet und den Rest ignorieren.

    3. sich gar nicht erst anhören, was andere sagen und das eigene Ding durchziehen. Dazu braucht man ein gewisses narzisstisches Potenzial, soll aber gelegentlich funktionieren ;-)

    So pauschal würde ich das mit den Herren der Fotografie nicht sehen. Ich kenne mittlerweile einige, die durchaus in der Lage sind, sich auf die emotionale Ebene zu begeben. Also die Hoffnung nicht aufgeben und die Menschen suchen/finden, die auf gleicher Wellenlänge sind :-)

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  3. ...ich denke wir sind uns im Grunde einig.
    Ich wähle den Mittelweg. Narzissmus liegt mir persönlich nicht - auch wenn ich meinen eigenen Weg gehe, damit manchmal mit dem Kopf durch die Wand renne und dazu neige plötzlich Zöpfe mit dem Katana abzuschneiden. Aber ich möchte Gedanklich immer soweit offen sein, dass ich neue Gedanken gegenüber offen und aufgeschlossen bin. Anhören ist ein MUSS. Die Bewertung dann meines.

    lg, oli

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  4. Einige interessante Denkanstöße hast du hier gegeben! Ich danke dir für den wertvollen Beitrag.

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