Mittwoch, 10. Oktober 2018

#Selfie

Die Dokumentation  #Selfie - Ich und die Welt (BR Mediathek) beschäftigt sich mit dem Phänomen der Selbstinszenierung, die sich weitgehend per Smartphone und in den sozialen Medien abspielt. Sogenannte Influencer sind die neuen Stars, die sich vor allem auf Instagram und Youtube präsentieren. Deutlich wird in der Sendung unter anderem, dass es gar nicht um echte Erlebnisse geht, sondern vor allem darum, dass es aussieht wie ein tolles Erlebnis. Davon bitte jeden Tag mindestens eins, besser noch mehrere Inszenierungen, perfekt in Lightroom gestylt und mit den Produkten der Sponsoren in der Hand. Ich stelle mir das reichlich anstrengend und stressig vor.


Dokumentation vs. Selbstinszenierung
Als ich anfing Fachbücher zu schreiben gab es den Selfie-Wahn noch nicht. Im Netz hatte ich vor gut fünfzehn Jahren aber schon eine Bildstrecke gefunden, die mich beeindruckte: Jemand hatte sich ein Jahr lang jeden Tag mit seiner Digitalkamera selbst fotografiert, immer aus der gleichen Perspektive und mit nahezu dem gleichen Bildausschnitt. In dieser Bildserie konnte man noch sehen, dass der Protagonist jeden Tag anders aussah, sich mal besser und mal schlechter fühlte. Über den relativ langen Zeitraum wurde auch ein leichter Alterungsprozess sichtbar. Formal gesehen waren diese Bilder ebenfalls "Selfies", sind aber nicht das, was wir heute damit assoziieren. Ich würde es eher als Selbstporträt oder als dokumentarisches Fotoprojekt bezeichnen. Damals war so etwas noch neu und ungewöhnlich, jetzt ist es Alltag und schon fast zuviel.



Trotzdem würde ich es nicht wagen, diesen Trend zu verurteilen. Erst fotografieren Eltern ihre Kinder, dann machen die Kinder mit ihren eigenen Bildern weiter. Warten wir mal zehn oder zwanzig Jahre und schauen wir, wie das alles weitergeht. 
Die Generation Selfie ist die erste, die unendlich viele Fotos von sich selbst macht und ihr Leben mehr oder weniger lückenlos in Bildern und Videos dokumentiert. Viele Aufnahmen zeigen idealisierte Wunschvorstellungen, die dank moderner Technik ihren Weg in die Welt finden. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie verschwimmt zusehends, darin sehen manche Kritiker einen drohenden Realitätsverlust. Auch die heute Jungen und Schönen werden älter. Ich bin gespannt, wie sie damit umgehen: Schönheits-OP plus Nachbearbeitung aller Bilder scheint mir am wahrscheinlichsten. Am Ende schauen alle aus wie Michael Jackson? Ja, das ist (m)eine Horrorvision.

Niemand will schlecht aussehen
Es gibt wahrlich schlimme Fotos, auf denen selbst schöne Menschen unschön abgebildet sind. Darum kann ich sehr gut verstehen, dass man solche Bilder nicht zeigt oder löscht. Mit den immer höher auflösenden Digitalkameras kam ein Problem in die Welt, das man vorher bei den verwaschenen und leicht unscharfen Bildern nicht hatte: Man sah plötzlich jede Falte und jede Hautunreinheit. Professionelle Porträtfotografen haben immer schon mit Visagisten gearbeitet und die Fotos anschließend noch optimiert. Semiprofis und Amateure haben nachgezogen, dann kamen die Porträtprogramme in den Kameras und Smartphones mit automatischer Hautglättung. Beim unlängst erschienenen iPhone Xs scheint es die Software-App zu gut mit den Selfisten gemeint zu haben. Viele Nutzer haben sich gegen die zu starke Glättung der Haut beschwert, weil man die Funktion (noch) nicht abschalten kann, andere reagierten mit Humor: "Ach, deshalb hat mir das Selfie neulich gefallen", schrieb einer. Ein anderer wollte wissen, ob man mit dem iPhone jetzt wohl noch ein realistisches Foto vom Gemälde der Mona Lisa machen könne. 
Fakt ist, dass auch andere Smartphones die Gesichter im Selfie-Modus gnadenlos glattbügeln. Der Blick in den Spiegel und der Blick aufs Selfie offenbaren sehr verschiedene Ansichten. Ich habe schon beobachtet, dass manche Frauen anstelle eines klassischen Schminkspiegels die Selfie-Funktion nutzen. Na, ob das gut geht?


Heute fotografiert man rückwärts
Als ich vor ein paar Tagen durch den Hofgarten in München schlenderte, fiel mir eine Gruppe junger Leute auf, die mitten im Park komische Verrenkungen machten. Ich habe sie fotografiert, kann das Bild aber aus Gründen des Persönlichkeitsrechts hier leider nicht zeigen. Fünf Menschen hatten sich in einer Reihe hintereinander aufgestellt, die junge Frau ganz vorne hielt ihr Smartphone hoch. Alle schauten auf den Monitor und positionierten sich so fürs Gruppen-Selfie, dass sie alle im Bild waren. Dann kam der Moment des Auslösens, sie hampelten herum und schnitten lustige Grimassen. Sie waren so konzentriert und vergnügt, dass das ganze Drumherum aus ihrer Wahrnehmung völlig verschwand. Es gab drei Dinge, die mich an dieser durchweg sympathischen Szene faszinierten:
  1. Die Konzentration: Während man darauf bedacht ist, sich fürs Selfie optimal in Szene zu setzen, merkt man gar nicht, was für einen skurrilen Anblick man für andere bietet. Das ist bei uns "normalen" Fotografen auch nicht anders. Wir verrenken uns manchmal auch ganz schön für die perfekte Perspektive und es ist uns egal, wenn andere das albern finden. Beim Blick durch den Sucher oder Kameramonitor sind wir genauso in unsere innere Welt versunken wie die Selfisten.
  2. Die Technik: Zwischen dem Smartphone und der letzten Person in der Reihe war ein riesengroßer Abstand. Die Handykamera muss für so ein Bild eine Schärfentiefezone von mindestens vier Metern erfassen, damit alle Leute scharf abgebildet sind - sieht man das Motiv im entfernten Hintergrund auch noch? Das schaffe ich mit meinen normalen Kameras nicht in ein paar Sekunden.
  3. Das Posing: Früher posierten alle Personen nebeneinander vor einer Sehenswürdigkeit. Einer aus der Gruppe konnte nicht im Bild sein, weil er das Foto machen oder jemanden finden musste, der auf den Auslöser drückte. Zu analogen Zeiten konnte man nicht einmal sicher sein, ob die Aufnahme gelungen war. Heute kann man gleich nachschauen und bei Bedarf nochmal von vorne anfangen, sich schöner und besser in Szene setzen. Das hat nicht nur Nachteile. 
Der Selfie-Trend beschert uns mitunter viel lustigere Erinnerungsfotos und manchmal auch neue Perspektiven. In der Masse sind die Bilder aber genauso austauschbar wie die alten "stell dich da mal hin und ich mache ein Bild von dir" Aufnahmen unserer Eltern. In der Dokumentation des BR sieht man dann auch einen Touristen, der ein Bewegt-Selfie vor Schloß Neuschwanstein aufnimmt und dem Reporter erklärt, dass er mit seinen Bildern eine andere Sicht zeigen will als die anderen Touristen. Der Wunsch nach neuen Ausdrucksformen hat also nicht aufgehört, nur weil alle Selfies von sich machen. 

Jeden Tag ein Bild?
In der Masse von Bildern, die jeden Tag bei Instagram und Facebook gepostet werden, mag ein Fotoprojekt mit diesem Titel wie der schiere Hohn erscheinen. Nur eins?


Ein Fototagebuch habe ich in mehreren Büchern empfohlen, 2007 habe ich es selbst ein Jahr lang durchgezogen und jede Woche ein Bild in meinem Blog gepostet. Die Veröffentlichung der Bilder diente mir dabei vor allem als Motivation, um über den gesamten Zeitraum dranzubleiben. Aus beruflichen Gründen fotografiere ich sowieso sehr viel, aber nicht mehr täglich.
So ein Projekt ist immer noch gut für Leute, die glauben, im Alltagsstress keine Zeit zum Fotografieren zu haben. Um "richtig" zu fotografieren, um das Handwerk zu lernen braucht man tatsächlich etwas mehr Zeit und vor allem Ruhe. Man braucht aber auch Erfahrung und die kommt nur indem man regelmäßig fotografiert. Das Projekt bedeutet nicht, dass man alle Fotos sofort ins Internet stellt. Es soll den Blick für Motive schärfen, die Bildgestaltung verbessern und die Handhabung der Kamera trainieren.

Ich greife zur Kamera, wenn ich bestimmte Motive brauche, vor allem aber wenn mich etwas interessiert. Selfies gibt es fast keine, selten Fotos, auf denen ich zu sehen bin. Mir ist wichtiger was ich sehe, nicht wie ich aussehe. Trotzdem geht es in meinen Bildern immer auch um mich, um meine Sicht auf die Welt. Die Fotografie, die ich jenseits meiner Bücher mache ist dokumentarischer geworden, sie folgt weniger den gängigen Schönheitsidealen. Was man für sich selbst macht, muss anderen nicht gefallen. Das ist die größtmögliche Freiheit, die man sich nehmen kann. Wolfgang Tilmanns ist einer der großen deutschen Fotokünstler und wurde gerade mit dem Goslarer Kaiserring geehrt. Schauen Sie sich mal die Bilder seiner Ausstellung an, die man in diesem Beitrag aus dem Kulturjournal sehen kann. Zwischen einem Selfie und Tillmans Arbeiten liegen Welten und doch ist das alles Fotografie. Sie entscheiden nicht nur was und wie Sie fotografieren, sondern auch wem Sie Ihre Aufnahmen zeigen.

Samstag, 6. Oktober 2018

Ui, ich habe Post!

Ein paar Tage nach meinem Artikel zum Thema Analoge Post im betrachtenswert Blog öffne ich meinen Briefkasten und finde dort tatsächlich eine Postkarte! Danke, liebe Ulrike M., das hat mich total gefreut und Ihre lieben Zeilen auch! Besonders schön finde ich, dass Sie meine beiden Blogs besuchen. :-)

Der Respekt vor dem Urheberrecht verbietet es mir, Ihre Karte mit den Motiven aus der Nationalparkregion Unteres Odertal hier im Blog zu veröffentlichen, aber sie hat mich total neugierig gemacht. In letzter Zeit verreise ich aus familiären Gründen vorwiegend mit dem Finger auf der Landkarte, notiere mir aber alles, was für die Zukunft potenziell interessant sein könnte.

Meine erste Frage war: Wo genau ist das Untere Odertal?
So ungefähr wusste ich es, aber Google Maps hat mir geholfen, mein geografisches Wissen aufzufrischen. Danach klickte ich mich auf die Seiten des Nationalparks durch, schaute zu Flickr und in die Fotocommunity und dachte: Wandern und Radfahren wäre schon fein in dieser Gegend. Anderthalb Stunden ab Berlin, Kraniche und Eisvögel fotografieren in Deutschlands einzigem Auen-Nationalpark... wow! Was so eine Postkarte alles bewirkt. Es müsste mehr davon geben! Das belegt auch die Nachricht, die ich fast zeitgleich von einem Freund erhielt:

@Jacqueline: wir hatten Urlaub und eine Radltour gemacht. Die Postkarten die es so zu kaufen gab waren ja wieder mal total grottig (wie sonst überall auch.) Vielleicht wäre das mal ein Betätigungsfeld für Dich? ;-)


Ja, vor vielen Jahren hatte ich einmal mit diesem Gedanken gespielt, aber Ansichtskartenmotive sind ein örtlich eng begrenztes Thema. Die Nachfrage ist gering, die Auflage niedrig und die Druckkosten sind entsprechend hoch. Der Vertrieb erfolgt über kleine regionale Verlage und die örtlichen Souvenirshops. Damit die Hersteller und Händler mehr anbieten, müsste die Postkarte an sich wieder attraktiver werden. Man findet schon einiges, wenn man vor Ort nach Ansichtskarten sucht. Aber oft sind es altbackene Bilder und verbogene oder verblichene Karten, die so aussehen als stünden sie schon seit Jahrzehnten im Laden. Den größten Raum im Kartenständer nehmen die Sprüchekarten ein. Nichts gegen dieses Kartengenre, ich mag coole Sprüche sehr. Aber wenn ich den Daheimgebliebenen eine Karte aus dem Urlaub schicke, dann soll man darauf schon die Gegend sehen, die ich gerade bereise.


Selbermachen?
Es gibt so viele gute und begabte Fotografen, die eigentlich tolle Kartenmotive aus ihrer Region hätten. Verdienen kann man mit Ansichtskarten nichts oder nicht viel. Aber zur Eigenwerbung oder als kleiner Ansporn für die eigene Fotografie ist eine Postkartenveröffentlichung nicht verkehrt. Wer in einer touristisch überlaufenen Gegend wohnt wie ich, wird es schwer haben. Die großen Verlage kaufen nur bei Agenturen ein. In weniger bekannten und abgelegenen Regionen ist das anders. Dort könnte man den regionalen Postkartenverlag kontaktieren und Motive anbieten. Eine andere Möglichkeit besteht darin, direkt die Läden vor Ort aufzusuchen und zu fragen, ob sie bereit wären, weitere Postkarten ins Sortiment aufzunehmen. Falls ja, müssen die Konditionen genau geklärt werden. Ich kenne jemanden, der die eigenen Fotomotive in der Gegend rund um Bremen und Worpswede auf diese Weise unter die Leute bringt. Lassen Sie sich aber keinesfalls dazu verleiten, erst einmal hunderte von Postkarten auf Ihre Kosten drucken zu lassen. Die Gefahr ist groß, dass Sie darauf sitzen bleiben.

Welche Regionen fotografisch über- oder unterrepräsentiert sind, kann man leicht im Netz recherchieren. Wenn es zu einem Suchbegriff bei Google Bildern, auf Flickr oder in der Fotocommunity wenig interessantes Material gibt, sollte man der Sache nachgehen. Auch ein Blick ins Programm des Kalenderverlags Calvendo lohnt sich bei der Recherche. Was gibt es zuhauf, wo ist das Angebot mager? Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, sagt meine alte Mutter immer. Wenn man sich eine Absage holt: nicht verzagen. Man braucht eben auch eine Portion Hartnäckigkeit, Einfallsreichtum und Engagement, wenn man etwas erreichen will.

Digital wird wieder analog
Dass die gedruckte Postkarte im digitalen Zeitalter immer noch ihre Berechtigung hat, konnte ich bei meiner Recherche ebenfalls feststellen. Es gibt etliche Webseiten und Handy-Apps, mit denen man selbstfotografierte Bilder mit Text versehen, das Motiv als frankierte Postkarte ausdrucken und verschicken lassen kann. Es kostet nicht mehr als eine klassische Karte, allerdings gibt man beim Ausfüllen der Adressfelder und beim Verfassen der Texte auch viele persönliche Daten preis. Prüfen Sie auch, ob sich der Dienstleister irgendwelche Nutzungsrechte am verschickten Bildmotiv einräumt.
Wenn ich mal wieder etwas Zeit übrig habe, recherchiere ich weiter zu diesem Thema und reiche Links zu Anbietern nach. Mit solchen Apps könnten Sie bei Familie, Freunden und Kollegen zumindest testen, wie gut Ihre selbstfotografierten Kartenmotive ankommen. Das meine ich nicht nur im Sinne der postalischen Zustellung. Die meisten Leute werden genauso staunen wie ich und sich freuen, dass mal wieder eine klassische Ansichtskarte ihren Weg in den Briefkasten findet. Wenn die Empfänger dann auch noch erfahren, dass es sich um ein selbstfotografiertes Motiv handelt, ist die Überraschung vermutlich umso größer. 

Entschleunigung ernst nehmen
Eine Mail oder Whatsapp Nachricht rutscht nach hinten, mitgeschickte Bildmotive verschwinden sehr schnell im Nirwana des Vergessens. Die gedruckte Postkarte steht garantiert etwas länger auf dem Schreibtisch oder wird mit einem Magneten an den Kühlschrank geheftet. In den 1990er Jahren bedeckte eine Collage aus Ansichtskarten die Innenseite meiner Wohnungstür - Grüße von Freunden aus der ganzen Welt. In Zeiten von Smartphone, Facebook und Instagram sind die Pinwände virtuell geworden. Wir haben die Motive überall mit dabei, aber wir müssen auch jedesmal eines dieser Geräte anmachen, um die Bilder sehen zu können. Dabei werden wir abgelenkt, verbringen mehr Zeit mit den Geräten als wir eigentlich vorhaben und wundern uns, wo unsere ganze Zeit bleibt.

Wem würden Sie eine Ansichtskarte schicken?

Bei der Print my Postcard App fürs Smartphone kostet eine frankierte Karte mit angeblich echter Briefmarke 1,69 EUR, die Lieferzeit beträgt 1-3 Tage. Die AGB überzeugen mich noch nicht so richtig, da werde ich mal nachfragen und berichten, was dabei herauskommt.

Eigene Motive können Sie auch bei jedem Fotodienstleister als Karten drucken lassen. Die niedrigen Auflagen sind verhältnismäßig teuer und für den Urlaub ist es keine Option. Aber wie wir alle wissen kommt das nächste Weihnachtsfest ganz bestimmt. Spätestens dann stehen wir wieder vor der Frage: digital oder analog?