Dienstag, 30. Januar 2018

Wo ist Keegan?


Im Oktober 2016 hatte ich über Keegan, den Fotocoach berichtet. Der hat sich mittlerweile in Luft aufgelöst. Das französische Startup-Unternehmen Regaind, das die Bildanalyse-Software entwickelt hatte, wurde letztes Jahr von Apple gekauft. Über weitere Pläne, was aus dem bemerkenswerten Fotocoach werden soll, gibt es derzeit keine Informationen. Es wird darüber gemutmaßt, dass künftige iPhones dem Fotografen dabei helfen werden, aus einer Reihe von Bildern die jeweils besten auszusuchen. (Golem, 17.9.17)

Automatische Bildanalyse
Solch skurrile Fehler passieren der KI heute kaum noch
Für "Knipser", die sich mit dem Fotografieren nicht intensiv beschäftigen wollen, ist so ein Auswahl-Assistent wahrscheinlich eine tolle Sache. Vorteile sehe ich auch für die Leute, die sich all die Handyfotos anschauen müssen. Vielleicht werden die Knipsbilder besser, wenn eine virtuelle Intelligenz dabei hilft, den Ausschuss zu verringern. Es erinnert mich ein bisschen an die analogen Zeiten, in denen im Großlabor alle über- oder unterbelichteten Fotos eines Negativstreifens aussortiert wurden. Aber natürlich geht die virtuelle Intelligenz viel weiter: Sie analysiert nicht nur die technischen Parameter, sondern auch den Bildinhalt.



Mit an Bord ist eine Gesichtserkennungsfunktion, und was das bedeutet, mag ich mir gar nicht ausdenken. Natürlich erfolgt kein automatischer Abgleich aller privaten Spaßbilder mit den Datenbanken irgendwelcher Ermittlungsbehörden. Wir haben nichts zu verbergen und wir können davon ausgehen, dass die Hersteller all dieser technischen Spielereien stets nur den Kundennutzen im Auge haben... Ach, der Zug ist längst abgefahren.

Wen lassen Sie für sich denken?
Wenn wir die Bildanalyse eines Experten oder einer künstlichen Intelligenz nutzen, müssen wir uns deren Urteil nicht automatisch unterordnen. Ich finde es wichtig, das eigene Urteilsvermögen zu stärken, egal ob wir es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun haben. Ja, fangen Sie bitte an, in diesen Kategorien zu denken. Das ist keine Science Fiction mehr.
Die künstlichen Intelligenzen lernen gerade, wie Menschen denken. Als alter Fan von Raumschiff Enterprise muss ich dabei an den Androiden Data denken. Der hatte übermenschliche Fähigkeiten, aber auch die größte Mühe mit Ironie, dem menschlichen Humor und mit der Liebe. Wie lange wird es wohl dauern, bis Keegan&Co. in der Lage sind, subtilere Analysen vorzunehmen? Bei Keegan gab es die Möglichkeit, das zuvor gefällte Urteil zu bewerten. Wenn es sich um einen selbstlernenden Algorithmus handelt, müsste er etwaiges Feedback bei künftigen Bewertungen berücksichtigen, und davon sollten wir Gebrauch machen.





Keegan gab in der Testphase ziemlich ausgefeilte Rückmeldungen zu Schärfe, Belichtung, Hintergrund, Bildaufbau, Farben, Lichtsituation, Perspektive... Ob es diese Funktion irgendwann auch bei Apple wieder geben wird, steht in den Sternen.

Wenn ich ProgrammiererIn wäre, würde ich Keegan nachschauen lassen, wie viele der Bilder, die er für schlecht hält, tatsächlich gelöscht werden. 





Die Zukunft hat begonnen
Ich war wirklich zwiegespalten, als ich Keegan kennenlernte. In meinen Kursen waren und sind Bildbesprechungen ein wichtiges Element, und dafür nehme ich mir immer viel Zeit. Und nun kommt so eine virtuelle Intelligenz daher, die meinen Job kostenlos und in Sekundenschnelle erledigt? Kann ich jetzt einpacken? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich könnte umschulen auf Frisörin, Kosmetikerin oder in die Altenpflege wechseln, denn solche Jobs gelten aktuell als langfristig krisensicher. Alles andere können die virtuellen Kollegen mittelfristig übernehmen, sogar die künstlerischen Berufe.

Mit dem sogenannten Turing-Test formulierte Alan Turing 1950 eine Idee, wie man feststellen könnte, ob ein Computer, also eine Maschine, ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hätte. Dieser Test wurde 2017 gleich zweimal bestanden:

Im Juli 2017 stellten Forscher der Rutgers Universität eine KI vor, die künstlerische Gemälde produziert. Die KI wurde trainiert mit vielen Gemälden berühmter Maler verschiedener Epochen. In einem Blindtest wurden die von der KI erstellten Gemälde mit von Künstlern für die Art Basel erstellten Gemälden vermischt und 18 Experten in einem Blindtest zur Beurteilung vorgelegt. Die Jury beurteilte die Gemälde von der KI insgesamt besser als die von den Künstlern für die Art Basel erstellten Gemälde. 

Im Sommer 2017 haben Forscher der Universität von Chicago eine KI vorgestellt, die eigenständig Rezensionen verfassen kann. Diese maschinell erzeugten Rezensionen wurden zusammen mit von Menschen verfassten Rezensionen 600 Versuchspersonen zur Beurteilung vorgelegt. Diese beurteilten die von der KI erstellten Rezensionen im Blindtest durchschnittlich als ähnlich nützlich wie die von Menschen verfassten Rezensionen. In dieser Versuchsanordnung wird der Turing-Test somit bestanden, da für die Menschen nicht mehr erkennbar war, welche Rezensionen maschinell erstellt waren und welche von Menschen.
(Wikipedia)

Horch mal, wer da spricht
Mit diesen neuen Entwicklungen wird sich unser Leben in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren von Grund auf verändern. Siri, Alexa und Cortana sprechen schon mit uns. Wenn Keegan zurückkommt, können wir ihn vielleicht fragen, wie wir die Kamera einstellen sollen. Die KI ist ja nicht blöd: Es hat sich garantiert schon herumgesprochen, dass wir Menschen nicht bevormundet werden wollen. Modus M statt Vollautomatik, Keegan oder Keegane sprechen als virtueller Fototrainer zu uns, und gleich nach der Belichtung liefern sie die Bildanalyse? Ausprobieren würde ich das auf jeden Fall.
Sie halten das alles für Unsinn, für zu weit hergeholt? Ich wäre nicht unglücklich, wenn ich mich irre. Es gab schon viele Fehlprognosen: 
  • „Dieses Telefon hat zu viele Schwächen, als dass man es ernsthaft für die Kommunikation in Erwägung ziehen kann“. Internes Memo von Western Union (1876)
  • "Es gibt keinen Grund, warum jeder einen Computer zu Hause haben sollte” Ken Olsen, Gründer von Digital Equipment Corp. (1977)
  • "Das Abonnement-Modell für den Kauf von Musik ist gescheitert” Steve Jobs (2003)
  • „Das ist das teuerste Telefon der Welt. Und es spricht Business-Nutzer überhaupt nicht an, weil es keine Tastatur hat. Damit ist es keine besonders gute Mail-Maschine“. Microsoft-Chef Steve Ballmer (2007)
Das Internet und die digitalen Medien haben uns schon so sehr im Griff, dass es auch Gegenbewegungen gibt. "Immer mehr Menschen schalten nicht nur häufiger ihr Smartphone aus, sie verabschieden sich vom stetigen Strom des Negativen, Angstmachenden und Skandalösen. (...) Der Achtsamkeits-Trend ist auch Teil der Gegenbewegung zur gesellschaftlichen Hysterie, Teil eines Umgangs miteinander, der wieder auf Respekt, Zuhören, Vereinbarung setzt. Neue Höflichkeit – New Civility – könnte man das nennen", sagt Matthias Horx, der allerdings auch einmal dachte, dass sich das Internet und die sozialen Medien nicht so massiv durchsetzen würden. Wir haben unsere Zukunft selbst in der Hand, zumindest ein Stück weit.

Keegan ist erst mal weg, wie geht es weiter?
Wer schnelle Ergebnisse sehen will, kann weiterhin die Bildanalyse von Everypixel nutzen. Sie gibt kein detailliertes Feedback zu den Bildern, aber sie macht eine prozentuale Angabe darüber, ob ein Motiv agenturtauglich wäre. Hier kommen unkonventionelle Fotomotive etwas besser an als bei Keegan. Nebenbei kann man sehr gut beobachten, wie genau Algorithmen Bildinhalte erkennen und als Schlagwörter ausgeben.


Die Seite gibt es nur auf Englisch, aber die Begriffe können mit einem Mausklick in den Zwischenspeicher kopiert werden. Von dort braucht man sie nur in das Feld von Google-Translate einfügen, schon hat man die Verschlagwortung in der gewünschten oder in beiden Sprachen. Übersetzen war mein erster gelernter Beruf. Das lasse ich heute auch von Google erledigen. Was mich aber immer noch diebisch freut, sind die grauenhaften Fehler, die Translate macht. Ich schreibe eben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, und solange Google Translate damit nicht klarkommt, weiß ich, dass es mein Alleinstellungsmerkmal ist. Ich bin zu beschäftigt und auch zu faul, meine eigenen Texte auch noch (korrekt) ins Englische zu übersetzen. Mehr Leser bekäme ich bestimmt, wenn ich das mächte. ;-)
Und noch mehr Leser bekäme ich, wenn ich nicht so viel schrübe. Aber weil es mir Spaß macht, mache ich es so und nicht anders. Dass Sie bis hierher gelesen haben, freut mich deshalb umso mehr. Was machen wir als nächstes? Irgendwas Kreatives. :-)

==========> Toller Tipp von Sabine: DeepL kann richtig gut übersetzen, und ich habe es ausprobiert - der Hammer!

Wenn Sie sich für das Thema interessieren, lesen Sie weiter im betrachtenswert Blog, einem meiner Paralleluniversen ;-)

Mittwoch, 17. Januar 2018

Kreativitätstipp: Nützlich machen

Es heißt immer, man müsse das Rad nicht neu erfinden. Das ist schon ein toller Spruch. 
Im Grunde genommen ist er absolut kreativitätsfeindlich. Sicher, das Rad ist eine super Erfindung. Trotzdem gefällt mir die Vorstellung, Autos und Fahrräder würden sich auf einer Art Magnetschwebefahrbahn durch München bewegen. Es gibt also durchaus Alternativen, die ein bisschen teuer und schwierig umzusetzen sind. Was ich damit sagen will: Wenn keiner darüber nachdenkt, ob und wie man ein Rad neu erfinden könnte, dann passiert es auch nicht. 

Wie findet man kreative Foto-Ideen?
Es gibt jede Menge Kreativtipps, die sich auch auf das Fotografieren anwenden lassen.  Besorgen Sie sich ein Notizbuch oder benutzen Sie den Sprachrekorder Ihres Smartphones, um alle Ideen zu notieren, die Ihnen spontan einfallen.

Der Tipp der Woche lautet:
Machen Sie aus etwas Ungenutztem etwas Nützliches für Ihre Fotografie.

















Was könnte das bedeuten?

Möglichkeit 1: Sammler
Manche Leute sammeln Briefmarken oder Schallplatten. Andere bringen aus jedem Land, das sie bereisen, ein Glas Sand mit. Wieder andere sammeln Stofftiere, Porzellan oder Blechdosen...
Machen Sie ein Fotoshooting mit Ihren Sammelobjekten. Wenn Sie danach zu dem Schluss kommen, dass diese Dinge wirklich unnütz für Sie sind, können Sie die Fotos gleich dazu verwenden, Ihre Sammlung bei eBay einzustellen.

Möglichkeit 2: Zubehör
In jedem Fotorucksack gibt es Zubehör, das nur sehr selten zum Einsatz kommt. Kramen Sie Ihre alten Kreativfilter hervor oder benutzen Sie den ND-Filter, den Sie zu Weihnachten geschenkt bekommen haben. Schauen Sie nach, ob die Batterien in Ihrem Blitzgerät noch okay sind, und benutzen Sie ihn bei dieser Gelegenheit für ein Experimentalbild. Wissen Sie noch, wie der Fernauslöser funktioniert, den Sie vor Jahren angeschafft haben? Wann haben Sie zuletzt mit dem Objektiv xyz fotografiert? Öffnen Sie Schränke, Schubladen und die Fototasche, und schauen Sie nach, was Sie alles haben. Belassen Sie es nicht dabei: benutzen Sie mindestens eines dieser Dinge innerhalb der nächsten acht Tage.

Möglichkeit 3: Tüftler und Techniker
Sie kennen sich mit Ihrer Kamera gut aus, aber da gibt es ein paar Funktionen, die Sie noch nie benutzt haben. Für irgendetwas müssen diese Einstellungen doch nützlich sein. Finden Sie heraus wofür und probieren Sie es aus. 

Möglichkeit 4: Analoge Relikte
Haben Sie noch irgendwo eine analoge Kamera herumliegen? Kaufen Sie sich einen Film dafür. Sicherheitshalber sollten Sie auch prüfen, ob Sie eine neue Batterie brauchen. Gehen Sie mit der alten Kamera fotografieren und lassen Sie sich von den Ergebnissen überraschen. 

Möglichkeit 5: Tools und Apps
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Auf meinem Computer haben sich im Lauf der Zeit viele kleine Programme angesammelt, die ich irgendwann einmal zum Testen heruntergeladen, und danach nie wieder benutzt habe. Ein kalter verrregneter Wintertag eignet sich hervorragend, um diese Tools oder Handy-Apps noch einmal auszuprobieren. Danach können Sie Ihren Rechner davon befreien oder Sie tauchen tiefer in die Bildbearbeitung ein.

Möglichkeit 6ff: Ihre Idee!
Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie das Wort ungenutzt oder unbenutzt lesen? Wie könnten Sie es fotografisch sinnvoll nutzen? 
Machen Sie sich Notizen und entwickeln Sie Fotoprojekte aus Ihren eigenen Ideen.

Sonntag, 14. Januar 2018

Das Internet vergisst mehr, als man denkt...

Im zweiten Teil des Interviews mit Hermann Ludwig, dem Macher von www.kunstlinks.de wird es anfangs ein bisschen technisch, aber das hat einen guten Grund. Als ich die Seiten zum ersten Mal besuchte, war ich erstaunt, ein Seitendesign vorzufinden, das mich an die Neunzigerjahre erinnerte. Das traut sich heute fast keiner mehr. Das moderne Web ist glatt und geschniegelt, fürs Smartphone und für Suchmaschinen optimiert.

FN: Wenn man die Seite kunstlinks.de aufruft, sieht man, dass es dort noch eine Menge mehr zu entdecken gibt. Das Seitendesign hat den Wandel der Internettechnologie nicht mitgemacht: warum?

HL: Die Technik hinter den Kunstlinks beruht auf einer Pearl-Programmierung, die war damals eher gebräuchlich als etwa heute PHP. Dadurch werden die Seitenaufrufe, die Suche und die Sortierung generiert. Mich interessieren dabei die Inhalte und dass sie erreichbar und lesbar sind. Beim Design habe ich eigentlich kein großes Geschick, verfolge aber die Philosophie, dass es im Sinne der Usability (Benutzerfreundlichkeit) förderlich ist, wenn das Erscheinungsbild stabil bleibt. Das ist eben eine alte Seite wie English Antique und zeigt das auch, die ist dann aber auch im Umgang vertraut. 


Ich könnte die Programmierung auch ändern, so dass sie ein Design ausgibt, das wie WordPress aussieht, ohne es zu sein. Wie albern wäre das denn? Erst haben früher alle Seiten nach Netscape ausgesehen, dann hat es von animierten GIFs gewimmelt, dann kamen die Content Management Systeme und heute sieht alles aus wie Joomla oder WordPress, nur unterschieden durch jeweils eigene Bilder und die ach so individuelle Farbgebung. Es heißt zwar, dass das Netz nichts vergisst, tatsächlich ist das Internet aber groß darin, permanent Inhalte zu vernichten, und zwar meist wegen eines Re-Designs. Ganz schlimm bei Schul-Homepages, wo eine immer wieder neue Crew das alte Geraffel weghaut, um zeitgemäßer zu wirken. Wenn ich in den Kunstlinks auf Ergebnisse des schulischen Kunstunterrichts verlinke sterben mir die Links regelmäßig.

FN: Mehrfache Re-Designs haben auch meinen ersten Internetauftritt komplett gekillt. Die Seite war damals sehr gut besucht, 2013 hatte ich keine Zeit mehr, alles auf den neuesten Stand zu bringen und das war's dann. Das kann ich also nur bestätigen, leider.

HL: Während ich das schreibe, fällt mir auf: Vor zwei Wochen habe ich mir ein altes Auto gekauft, das auch 99er Baujahr ist – also exakt so alt wie die Kunstlinks. Warum? Weil es schöner und eigener ist als die stereotype Masse der Neuwagen. So was wie Charakter.
Bei den Fernsehtipps ändere ich auch bewusst nichts am Seitenaufbau, weil wohl mittlerweile jeder Benutzer und Besucher seinen eigenen Umgang damit gefunden hat, wie er sie durchsucht, wie er Sendungen herauskopiert (deswegen auch jeder Eintrag mit Datum und Uhrzeit) oder löscht. Das soll ihm erhalten bleiben. Neuerungen gibt es bei den Kunstlinks selbst eher in der Technik. So etwa im „Meine Seite“-Mechanismus, wo man sich seine eigene persönliche Zusammenstellung aus dem Gesamtangebot sammeln kann, wo man also alles wiederfinden kann, was man mal entdeckt hat. 

FN: Das Internet hat unser Leben seit 1999 generell stark verändert. Damals saßen wir mit Modems vor Röhrenbildschirmen, heute hat fast jeder ein internetfähiges Smartphone in der Jackentasche. Was bedeutet das für ein Projekt wie die Kunstlinks? 

HL: Nun ja, eigentlich sollten die Seiten heutzutage mit einem responsiven Design aufgebaut sein, um auf Tablets oder Smartphones optimiert erscheinen zu können. Wie oben schon erwähnt werden meine Seiten von einem Pearl-Programm ausgeworfen. Das wäre schon ein ziemlicher Aufwand, diese Geschichte skalierbar zu gestalten. Pech für mich und für das Google-Ranking. Die Fernsehtipps kann man noch gerade so benutzen, obwohl ein Smartphone eigentlich danach verlangt, dass es in den Fernsehtipps Sprungadressen zu bestimmten Tagen (oder „Heute“) gäbe.

FN: Du unterrichtest seit 1978 Kunst, also beinahe vierzig Jahre. Hat sich das Interesse von Schülern an diesem Fach über die Jahrzehnte verändert und wenn ja: wie? 

HL: Für Schüler ist Schule immer aufregend, so oder so. Vieles erfahren oder tun sie das erste Mal im Leben. Mittlerweile bin ich ja seit gut einem Jahr in Pension und genieße das sehr. Während meiner gesamten aktiven Zeit hatte ich das Glück, dass alle meine Schüler wirklich nett zu mir waren. Als Kunstlehrer regiert man ja in seinem eigenen kleinen Reich in der Schule, so dass meine Erfahrungen nicht für die Schule oder gar für die Gesellschaft verallgemeinerbar sind. Auf dieser glücklichen Insel sind wir stets offen miteinander umgegangen, und vor allem aus den Leistungskursen sind sehr viele Schüler und Schülerinnen in künstlerische oder mediale Berufe weiter gegangen. In dem breiten Spektrum des Kunstunterrichts findet eigentlich fast jeder ein Eckchen, in dem er sich wohl fühlt.

Medienkompetenz ist ein Begriff, der heute wichtiger ist denn je. Wie erlebst Du diese „Medienkompetenz“ in deinem beruflichen Alltag als Lehrer und als Privatperson?

HL: Das ist ein Mega-Thema, in der Schule und außerhalb, dass ich hier kaum ausschöpfend darauf antworten kann. Nur so viel: mein Bestreben war stets, dass aus reinen Medien-Konsumenten selbst Gestalter wurden. Wenn man mal selbst eine Webseite angelegt hat, eine App programmiert hat, einige der vielzähligen Möglichkeiten in der Bildbearbeitung ausprobiert hat, sein Video gefilmt und geschnitten hat, seinen Text wirkungsvoll gelayoutet hat, dann durchschaut man auch die Tricks und Effekte, denen man ausgesetzt ist. Daher finde ich den kreativen Umgang mit den Medien im Kunstunterricht so eminent wichtig.

FN: Welche Rolle spielen die digitalen Medien  im Kunstunterricht heute?
Wie siehst Du die Ausstattung der Schulen mit modernen Unterrichtsmedien und die allgemeine LehrerInnenkompetenz im Angesicht von Smartphones / der Generation der Digital Natives?


 
HL: Einerseits gibt es wahnsinnige Chancen, was man im Kunstunterricht alles machen, andererseits ist es ein Trauerspiel, wie beharrlich die Verweigerungshaltung unter Kollegen verbreitet ist, die das traditionelle Künstlertum angegriffen fühlen. Zudem gibt es ein umfassendes Niederhalten durch die Kultuspolitik der Länder (gerade hier in Bayern), die zwar Digitalisierung irgendwie wollen, weil das im Berufsleben gefordert wird, die aber die Freizügigkeit im Umgang mit dem Netz aus den unterschiedlichsten Gründen fürchten. In den Schulen gibt es lauter kastrierte Netzzugänge, YouTube wird geblockt und Handys werden verboten, weil da böse Sachen gesehen werden könnten. Das ist einem kreativen Umgang nicht gerade förderlich.


Im Schulnetz wird auch die Software uniformiert, die kauft man als Paket bei einem Anbieter, damit die Systemadministratoren die Mühe mit Installation und Pflege nicht mehr haben. In diesen Paketen ist natürlich keine Spezialsoftware vorgesehen, wie man sie im Kunstunterricht brauchen würde. Deswegen hatte ich mein eigenes Netz aufgebaut, mit einem eigenen Zugang und mit eigener Softwareanschaffung, zusätzlich natürlich die kostenlosen Angebote wie Blender, SketchUp und GIMP installiert, die den Vorteil haben, dass die Schüler diese auch zu Hause nutzen können. Zu Beginn des digitalen Zeitalters war das vielleicht sogar spannend, mit den damals Neuen Medien zu arbeiten, heute finde ich es gut, wenn man sich das jeweils passende Medium aussuchen kann, digital oder analog oder auch gemischt. 

FN: Nachdem Du inzwischen im Ruhestand bist: Bleibt Dir persönlich jetzt mehr Zeit, um künstlerisch tätig zu sein? Wenn ja: welche Kunstform ist Deine liebste? Malerei, Zeichnen, Musik, …? 


HL: Meine künstlerischen Arbeiten habe ich sehr zeitaufwändig mit Bleistiften und Buntstiften auf großen Formaten gemacht, so dass sehr schnell klar wurde, dass ich nie den Ausstoß erbringen könnte, der für eine Künstlerkarriere nötig wäre.

FN: Ein paar davon hast Du uns hier zur Verfügung gestellt - vielen Dank dafür!

HL: Eine sehr schöne Zeit habe ich als Mitglied einer Band erlebt, bis diese sich dann leider aufgelöst hat. Danach war ich musikalisch alleine mit meinem Kurzweil und dem Computer beschäftigt.  





Dabei konnte ich eine lokale Jugendinitiative (www.subkultur-ffb.de) mit begründen, die die musikalische Szene im Landkreis mittlerweile in einem denkmalgeschützten Schlachthof (www.alter-schlachthof-ffb.de) unterstützt, womit ich wieder beim Denkmalschutz gelandet war, etc… und wo wieder viele meiner Schüler engagiert sind, etc… 




FN: Und damit schließt sich der Kreis. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Leser, der mal im Fürstenfeldbrucker Schlachthof vorbeischaut, oder sogar eine Ausstellung? Ich würde mich freuen, wenn ich davon erführe. Herzlichen Dank für das ausführliche und tiefgründige Interview!

Den ersten Teil des Interviews finden Sie hier.


Freitag, 12. Januar 2018

Wow-Bilder

Als ich letztes Jahr in einem Einsteigerkurs fragte, wer seine Bilder nachträglich bearbeiten wolle, antworteten neun von zehn Teilnehmern ganz klar mit Nein. Ich war überrascht, ja sogar erfreut, weil ich zuerst dachte: Klasse, jetzt können wir uns voll aufs Fotografieren konzentrieren.

Der Irrtum klärte sich bei der ersten Bildbesprechung auf: Fast alle Teilnehmer gingen davon aus, dass sie vor allem lernen mussten, wie man die Kamera richtig einstellt, dann würden alsbald die Wow-Bilder herauskommen, die man von der Google Bildsuche oder aus Wettbewerben kennt. Für mich war es ein Aha-Erlebnis, denn ich war davon ausgegangen, dass die meisten Leute eigentlich wissen müssten, wie stark Photoshop, Lightroom & Co. an der heutigen Bildästhetik beteiligt sind.

Links RAW, rechts das fertige Bild nach der Lightroom-Entwicklung.


Dass noch viele andere Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, damit man ein "Wow-Bild" fotografieren kann, ist der vielleicht ernüchterndste Teil beim Fotografierenlernen. Die Kameraeinstellungen sind eben nur eines von vielen Elementen im fotografischen Gestaltungsprozess.

Mein erstes Buch hieß "Rezepte für bessere Fotos". Mir gefällt die Analogie immer noch ganz gut: Wie in der Küche gibt es auch beim Fotografieren ein paar Grundwerkzeuge und Grundrezepte. Auf dieser Basis kann man viele Standardgerichte zubereiten. Man sammelt Erfahrungen, probiert etwas Neues aus und mit zunehmender Erfahrung wird das Ganze nicht nur professionell, sondern auch kreativ. Ob Pasta oder Foto: Man braucht zuallererst eine Idee. Schon wieder Spaghetti?! Warum nicht - her mit dem Eisbecher!

Ich wette, Sie haben vor Ihrem inneren Auge gerade kein Eis gesehen, sondern zuerst die typischen, dünnen Nudeln. So funktioniert unser Gehirn. Es zeigt uns das, was wir im Alltag am häufigsten sehen. Kreativität bedeutet: um die Ecke denken, sich nicht mit der ersten Option zufriedengeben. Es bedeutet auch: Dinge tun, die andere nicht tun würden.

Trotz aller Kochsendungen im TV: Die Realität in der Küche sieht eher so aus, dass sich die meisten Leute mit Fertigprodukten versorgen, die zu viel Zucker, Salz, Fett und Geschmacksverstärker enthalten. Auch in Kantinen und Restaurants gibt es überwiegend Convenience Food. Wer danach naturbelassenes Essen serviert bekommt, findet es oft total fad. Übertragen auf die Fotografie könnte man sagen: Wenn wir ausschließlich überbunte und überschärfte Bilder sehen, dann fängt unser Gehirn an, diese Ästhetik für den Normalzustand zu halten. 

Und natürlich wundert man sich als Einsteiger, wenn die eigene Kamera keine so bunten und schillernden Bilder liefert wie die Google-Suche.


Schnell und einfach soll es sein 
Der neueste Küchentrend heißt "Kochbox", in der man alle erforderlichen Zutaten in der richtigen Menge vorfindet. Dieses geniale Produkt beschleunigt den ganzen Prozess des Kochens, der mit dem Nachdenken darüber beginnt, was man eigentlich kochen könnte. An die Stelle eines  Ideenfindungsprozesses tritt ein schneller, oft spontaner Kauf- oder Bestellvorgang.
So eine "Kochbox" erspart dem gestressten Menschen auch die lange Suche in diversen Supermarktabteilungen. Was auf der einen Seite sehr angenehm ist, führt leider dazu, dass wir das kreative Denken outsourcen. Profis und Kreativteams schlagen uns leckere Rezepte vor, und wir stehen gut da, wenn wir die Freunde oder den Partner bekochen. Kommt das Gericht nicht gut an, dann kaufen wir es nicht mehr.

Beim Fotografieren passiert oft etwas Ähnliches: Wir haben viele tolle Bilder gesehen und wollen selber tolle Bilder fotografieren. Sobald wir eine ähnliche Szene vor uns haben, erinnern wir uns an das Vorbildmotiv (Spaghetti!) und wir fangen es mit der Kamera ein. Wenn anschließend auch noch gutes Feedback zu diesem Bild kommt, entsteht eine neue Gewohnheit, eine sich selbst verstärkende Wiederholungsschleife. Wir verfallen in ein Muster. Wenn kein gutes oder gar kein Feedback kommt, entsteht der Eindruck wir wären auf dem falschen Weg - also lieber wieder zurück zu den Motiven, von denen wir wissen, dass sie funktionieren? 

Kreativ sein heißt: Gewohnheiten durchbrechen

Bei der Einordnung in Gut oder Schlecht orientieren uns oft (unbewusst) an dem, was uns andere Leute vorleben oder erzählen. Wer sich immer im gleichen Dunstkreis aufhält, bekommt immer ähnliche Informationen. Die sozialen Medien, Amazon und Google verstärken diesen Effekt. Das bezeichnet man neuerdings als "Filterblase".

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wer fotografieren lernen will, muss sich eine Zeitlang an den Fotos von anderen orientieren und die Grundrezepte abarbeiten. Dabei trainiert man die handwerklichen Fähigkeiten und man kann die eigenen Ergebnisse sehr gut mit denen anderer Fotografen vergleichen. Wenn man es geschafft hat, und die ersten tollen Bilder präsentiert, entsteht ein unvergleichliches Hochgefühl. Davon bitte gerne mehr - und bald wird man regelmäßig Wow-Fotos fotografieren.


Man kann die Kamera im Schlaf bedienen und weiß in jeder Lebenslage, was zu tun ist, um ein gutes Bild zu machen. Das Hochgefühl weicht der Selbstverständlichkeit. Irgendwann gesellt sich die Langeweile hinzu. Was früher unglaublich viel Spaß gemacht hat, weicht einem merkwürdigen Gefühl, dass irgendetwas nicht mehr stimmt, und das ist irritierend.

Es gibt wieder Spaghetti, aber diesmal in Blau mit Tintenfisch? Was hat denn der Kollege Schuhbeck auf der Speisekarte? Currywurst? Das hab ich doch vor zwanzig Jahren schon gemacht! Und was macht der Kollege Lichter? Bares für Rares? Mit dem Motorrad durch Norwegen?  Ein Buch mit dem Titel "Keine Zeit für Arschlöcher - Hör auf dein Herz"... Was soll denn der Quatsch, der hat ja völlig abgedreht! Der hätte mal weiter kochen sollen, oder etwa nicht?

Nein, Horst Lichter hat es genau richtig gemacht. Neues kann man leichter entdecken, wenn man das Alte ganz oder schrittweise loslässt. Am schwierigsten ist das für erfolgreiche Wettbewerbsfotografen und für Profis, die einen festen Kundenstamm haben. FotografIn X wird gebucht, weil er/sie eben genau diese Fotos macht, die dem Kunden so gut gefallen. Darum sind Veränderungen in einem gut laufenden Business immer ein Risiko. Sie sind aber auch eine Chance: Es kann alles noch viel besser werden, oder man wird einfach glücklicher damit.

Der Mann, der 1969 das Spaghetti-Eis erfunden hat, heißt Dario Fontanella. Er berichtet, dass es in der Anfangszeit der Eisspezialität öfter zu Tränenausbrüchen bei Kindern gekommen sei, die einen Eisbecher wollten und keine Nudeln mit Tomatensauce. Gut, dass er das Rezept trotzdem nicht von der Speisekarte genommen hat. 2014 wurde ihm der Bloomaulorden verliehen, die höchste bürgerschaftliche Auszeichnung Mannheims.

Und wenn Sie jetzt noch ein bisschen weiter über den Tellerrand schauen wollen, und kreative Ideen für Ihre Fotos suchen, wie wäre es mit folgender Übung:

"Kümmere dich nicht um die Erwartungen anderer - leg einfach los."

Mittwoch, 10. Januar 2018

TV-Tipps zum Start ins Neue Fotojahr

Herzlich willkommen im Neuen Jahr!
Vor etwa einer Stunde sind die TV-Tipps in meinem Posteingang gelandet. Gut, dass ich gerade noch auf den Rücklauf meiner Dateien aus dem Lektorat warten muss. So konnte ich die Gelegenheit nutzen, um alles für den Blog aufzubereiten. In den nächsten vier Wochen gibt es so viel Interessantes zu sehen, dass ich die wichtigsten Sendungen mit Sternchen und roten Überschriften markiert habe.



Beiträge über August Sander, F. C. Gundlach, Robert Frank und die Agentur Ostkreuz sind (wieder) mit dabei, und die Fans von Michael Martin können jubeln: Auf BR alpha und auf Servus TV geht's auf eine fotografische Weltreise. Ich glaube es werden alle Filme gezeigt, die Michael Martin je gemacht hat. Respekt!

Seitenblicke gibt's natürlich auch, für Neugierige oder für FotografInnen, die sich zu neuen fotografischen oder künstlerischen Projekten inspirieren lassen wollen. Hier geht's zur neuen Liste mit allen Sendungen bis Mitte Februar.

Der zweite Teil des Interviews mit Hermann Ludwig, dem Macher der Kunstlinks ist genauso in Vorbereitung wie das neue Fotokursprogramm. :-)