Sonntag, 31. März 2019

Photoshop-Alternativen: Zoner Photo Studio X

Zoner Photo Studio X ist ein mächtiges Bildbearbeitungsprogramm, das sich hinter Photoshop und Lightroom nicht verstecken muss. Vor einiger Zeit erhielt ich das Angebot, die Software mit einem kostenlosen Jahresabo zu testen. In meinem Artikel zu den Bildbearbeitungsgrundlagen erscheint Zoner nicht, weil es diese Software nur noch im Abo gibt. Allerdings liegen die Kosten mit derzeit 39,- EUR jährlich oder 3,99 EUR/Monat deutlich unter denen für das Kombipaket aus Photohop und Lightroom. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass man die Software nicht nur auf zwei, sondern auf beliebig vielen Rechnern installieren und nutzen kann.

Dazu muss man ein Zoner-Konto eröffnen und den Datenschutzbestimmungen des Herstellers zustimmen. Die Einstellungen, mit denen man per Mausklick das Tracking des eigenen Nutzerverhaltens ausschalten kann, sind nicht ganz leicht zu finden: Sie befinden sich nicht im Zoner-Konto sondern in den Einstellungen des Programms.

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Die Benutzeroberfläche von Zoner Photo Studio X entspricht dem modernsten Standard: Links befindet sich der Zugang zum Dateisystem, zu den Cloud-Anwendungen und zu Facebook (wer so wahnsinnig ist das zu aktivieren...). Rechts oben wechselt man zwischen verschiedenen Modulen.


Man muss die bereits vorhandenen Bilder nicht in eine Datenbank importieren, aber man kann die Funktion Import verwenden, um Fotos von der Kamera automatisch in einen bestimmten Ordner auf der Festplatte zu kopieren.


Das Modul Manager entspricht der Lightroom-Bibliothek, dient also dem Verschlagworten und Organisieren von Fotos. Auch beim Modul Entwickeln findet man sich als Lightroom-Umsteiger mit den typischen Schiebereglern schnell zurecht. Im Modul Editor sind die Funktionen untergebracht, für die ich normalerweise zu Photoshop wechseln würde: Hier kann man mit mehreren Ebenen arbeiten und Montagen erstellen, Text auf den Bildern platzieren oder komplexere Auswahlen erstellen. Das vierte und letzte Modul heißt Erstellen und enthält standardisierte Layouts zum Beispiel für Fotobücher und Kalender. Weitaus wichtiger dürften hier die Funktionen für den Druck und die einfache Videobearbeitung sein.

Die Werkzeuge sind im Editor und im Entwickeln-Modul teilweise identisch. Wie bei Lightroom sind sie in einer kleinen waagrechten Leiste angeordnet. Fährt man mit der Maus über die Symbole, erscheint die Bezeichnung der Werkzeuggruppe. Klickt man das Symbol an, öffnet sich unmittelbar darunter der Einstellungsbereich für das jeweilige Werkzeug.
In den Untermenüs bei den Korrekturen und Effekten eröffnen sich jede Menge Möglichkeiten.

Frei schwebende Fenster oder beliebig konfigurierbare Reiter gibt es kaum, dafür kann man bestimmte Bearbeitungen als Favoriten im Korrekturen-Menü oben auflisten lassen.

Selten benutzte Funktionsgruppen und die seitlichen Spalten lassen wie gewohnt aus- und wieder einklappen. Insgesamt empfinde ich die Bedienoberfäche gemessen an der Komplexität des Programms übersichtlich und gut strukturiert.

Den Workflow anpassen!
Die Verschmelzung von Photoshop- und Lightroom-Funktionen in einem Programm hat mich bei meinen ersten Bearbeitungstests ein bisschen ins Schleudern gebracht. Im Entwickeln-Modul muss man die Fotos nicht speichern, genau wie bei Lightroom. Egal ob Rohdatei oder JPEG: Die Änderungen werden in einer Datei mit der Endung data.zps automatisch protokolliert und im gleichen Ordner gesichert wie das Originalfoto. Wechselt man aber in den Editor, muss man das dort (weiter) bearbeitete Foto unter neuem Namen speichern. Das ist logisch, das muss man beim Wechsel von Lightroom zu Photoshop auch. Allerdings kann man in Zoner auch bei einer Rohdatei sofort mit Ebenen arbeiten. In Photoshop schaltet sich zunächst der Rohdatenkonverter mit einem eigenen Fenster dazwischen.

Dateien mit Ebenen können nur im Editor bearbeitet werden, darum sollte man sich beim Workflow möglichst an die Reihenfolge der Module halten. Man wird von der Software zuverlässig ans Speichern erinnert, sobald man den Editor verlässt, aber für Lightroom-Spezialisten, die häufig zwischen den Modulen hin- und herzappen, ist die Aufforderung zum Speichern eine Umstellung. Bei mir hat sie anfangs dazu geführt, das ich von einem Bild unterschiedliche Versionen mit verschiedenen Bearbeitungsschritten erhielt, oder Änderungen versehentlich nicht gespeichert hatte. Die liebe Routine...

Einmal Zoner, immer Zoner?
Lightroom-Anwender kennen das Problem: Man hat vielleicht schon jahrelang mit der Software gearbeitet und in den programminternen Katalogen und Datenbanken schlummern alle Entwicklungseinstellungen. Wenn man die entwickelten Fotos nicht konsequent als neue Dateien exportiert, kann man beim Wechsel auf eine neue Software viele Bearbeitungen verlieren.

Montag, 25. März 2019

Neuerscheinungen: Handbuch zur Coolpix P1000 und Digitale Fotografie

























Wenn die Belegexemplare eintreffen weiß ich, dass meine Bücher im Handel erhältlich sind. Für mich ist es der offizielle Projektabschluss und es ist immer schön, wenn die Arbeit mehrerer Monate "greifbar" wird. Diesmal sind es gleich zwei Neuerscheinungen: Das Buch Digitale Fotografie ist in der dritten vollständig überarbeiteten Auflage erhältlich, auch als E-Book für EUR 12,90. Für Einsteiger ist es nach wie vor ein kompakter Einstieg in die Fotografie zum kleinen Preis. 
Beim Verlag Vierfarben/Rheinwerk anschauen - Leseprobe aufrufen

Über die Nikon Coolpix P1000 hatte ich hier im Blog schon ausführlich berichtet. Eigentlich hätte ich meine Leihkamera jetzt zurückgeben müssen, aber das kommt nicht in Frage. Ich behalte sie, damit ich auch in Zukunft ungewöhnliche Aufnahmen mit extrem langer Brennweite machen kann.
Das Handbuch zur P1000 ist kleiner und handlicher als die früheren Hardcover-Bücher. Das finde ich gut, weil man es besser in den Urlaub mitnehmen kann. Wer es sich noch leichter machen möchte, kann auch hier zum E-Book greifen, das in mehreren Formaten (PDF, EPUP, mobi) für verschiedene Ausgabegeräte zur Verfügung steht.

Gerade bekomme ich die Nachricht, dass die FZ1000 II auf dem Weg zu mir ist. In nächster Zeit werde ich also etwas weniger bloggen und mich auf das nächste Handbuch konzentrieren.Wenn Sie keine Beiträge verpassen wollen, können Sie neue Artikel per E-Mail abonnieren. Das Eingabfeld für die Mailadresse finden Sie in der rechten Navigationsspalte direkt über dem Chili-Motiv.




Freitag, 22. März 2019

Bildbearbeitungsgrundlagen: Ein aktueller Überblick


Meine allerersten Bildbearbeitungserfahrungen habe ich mit Photoshop 4.0 gemacht, das ist fast fünfundzwanzig Jahre her. Ich weiß noch, wie verzweifelt ich damals vor meinem Bildschirm saß und überhaupt nicht wusste, wie ich mit dieser Software umgehen sollte. Meine ganzen Erfahrungen mit Word, Excel, Powerpoint, Corel Draw, Corel Ventura und dergleichen halfen mir überhaupt nicht weiter. Bildbearbeitung ist anders! Programme für die Bearbeitung von Audiodateien bereiten mir heute die gleichen Probleme: Ohne Grundkenntnisse steht man da, wie der sprichwörtliche Ochs vor'm Berg.

Intuitive Bedienung? Ja, aber...
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Mittlerweile wird es immer einfacher Fotos mit wenigen Mausklicks zu verändern. Das funktioniert oft so intuitiv, dass man nicht unbedingt verstehen muss, wie das Programm arbeitet. Diese erfreuliche Entwicklung haben wir dem Smartphone-Boom und den dazugehörigen Apps zu verdanken. Photoshop Elements 19 hat mich mit seinen neuen "Assistenzfunktionen" schwer beeindruckt, es ist sein Geld wert. Wer seine Bilder nach eigenem Geschmack und punktgenau bearbeiten will, braucht weiterhin das Modul Experte oder ein anderes Bildbearbeitungsprogramm mit vergleichbaren Funktionen.

Gerade erscheint eine komplett überarbeitete Version meines Buchs Digitale Fotografie. Darin gibt es auch diesmal wieder ein Kapitel zur Bildbearbeitung. Der Platz in den Büchern ist begrenzt und so muss ich die Informationen leider immer wieder auf die absoluten "Basics" reduzieren. Im Buch haben wir uns auf die neueste Version von Photoshop Elements 2019 beschränkt. Elements begleitet mich nun seit der Version 2.0. Diese uralte und die neueste Version sind Lichtjahre voneinander entfernt. Trotzdem bleiben ein paar grundlegende Dinge immer gleich. Diese wichtigen Grundfunktionen und Prinzipien finden sich auch in anderen Programmen.

Während ich das Buchkapitel neu schrieb, habe ich mehrere Photoshop-Alternativen ausprobiert. Aus meinen Kursen weiß ich, dass beileibe nicht jeder mit Adobe-Produkten arbeitet. Das gilt umso mehr, seit Adobe mit Lightroom und Photoshop CC auf das Abonnement-System umgestellt hat. Um es vorwegzunehmen: Es gibt einige gute Alternativen und man muss sich nicht zwangsläufig auf ein Software-Abonnement einlassen. 

Bei meinem Test ging es mir nicht darum, die Vor- und Nachteile oder die Unterschiede der Programme herauszuarbeiten. Ich habe einfach nur die typischen Bearbeitungen durchgeführt, die ich üblicherweise mit Lightroom und Photoshop CC an meinen Bildern mache. Wie jeder Mensch bin ich ein Gewohnheitstier und schätze die Routine, die sich bei täglich auszuführenden Arbeiten einstellt. Darum war es für mich anfangs auch ungewohnt, wenn ich Befehle unter einem anderen Begriff, in einer anderen Rubrik oder an einer anderen Stelle am Monitor suchen musste. Der Wechsel auf ein anderes Programm ist immer mit leichten Irritationen, erhöhtem Zeit- und Lernaufwand verbunden. Nach der Eingewöhnungsphase läuft's dann wie geschmiert.

Für meinem Test hatte ich mir das kostenlose Darktable (Lightroom Alternative) und den ebenfalls kostenlosen GIMP geholt. Beide sind nicht mein Fall, darum werden Sie hier auch nicht viel darüber erfahren.
Mit den kostenlosen 30-Tage-Testversionen von Affinity Photo, ACDSee und Corel Paint Shop Pro kam ich erheblich besser zurecht. Bei der Software-Auswahl habe ich mich an Produkten orientiert, die von Fotokursteilnehmern häufiger erwähnt wurden. Diese drei Photoshop-Alternativen sind nicht kostenlos, die Lizenzgebühren sind jedoch niedriger als die von Photoshop Elements und werden jeweils nur einmal fällig.

Die besonders preisgünstige Standardversion von ACDSee wirkt ein bisschen altbacken, eignet sich meines Erachtens aber gut für Einsteiger, die nach einem einfachen Produkt suchen und auf die komplexe Arbeit mit Ebenen (Bildmontagen) verzichten können. Wer das braucht, kann ACDSee in der teureren Professional- oder Ultimate-Version erwerben.


Mit Corel Paint Shop Pro und Affinity Photo war ich zufrieden, bemerkte aber feine Unterschiede in der Behandlung der Bilder. Das Feintuning von Farben, Helligkeit und Kontrast gefielen mir bei Lightroom und Photoshop besser. Um meine Bilder mit den anderen Programmen genauso hinzubekommen, hätte ich vielleicht nur etwas länger damit arbeiten müssen. Momentan teste ich noch Zoner Photo Studio X und werde darüber in einem eigenen Artikel berichten.

Weiter unten finden Sie die Links zu den Herstellerseiten, wo Sie sich die Programme herunterladen und dreißig Tage lang unverbindlich testen können. Dieser Beitrag ist nicht gesponsert, ich habe das alles freiwillig gemacht und stelle Ihnen hier mein ausführliches Bildbearbeitungskapitel als PDF zur Verfügung. Es entspricht in der Grundstruktur dem Kapitel im Buch Digitale Fotografie, ist aber viel länger und ein bisschen anders. Wenn Sie das gut finden, freut sich die Autorin über eine Spende für fünfzig Seiten Grundlagenwissen. Paypal-me/Fotonanny - oder empfehlen Sie diesen Blog weiter.

Inhaltsverzeichnis:

1.1    Welche Software ist die richtige für mich?
1.1.1    Unterschiedliche Behandlung von RAW und JPEG
1.1.2    Das Konzept von Lightroom und Darktable
1.1.3    Klassische Bildbearbeitungsprogramme
1.1.4    Das Grundprinzip der Bildbearbeitung
1.2    Grundlegende Korrekturen
1.2.1    Ausrichtung anpassen
1.2.2    Bildausschnitt korrigieren
1.2.3    Helligkeit und Kontrast korrigieren
1.2.4    Farbkorrekturen
1.3    Störende Elemente retuschieren
1.3.1    Flecken, Staub und Kratzer entfernen
1.3.2    Mit den Werkzeugen arbeiten
1.4    Rote-Augen-Korrektur
1.5    Text auf Bilder schreiben
1.5.1    Schriftgröße
1.5.2    Schriftfarbe
1.6    Bildauflösung anpassen
1.7    Bilder richtig schärfen
1.8    Schnelle erste Hilfe
1.8.1    Generelles Vorgehen
1.8.2    Ein Praxisbeispiel

Dokument hier als PDF herunterladen.

Affinity Photo - Herstellerseite
ACDSee (Standard) - Herstellerseite
Corel Paint Shop Pro (Standard) - Herstellerseite

Mittwoch, 13. März 2019

Warum fotografieren? (5/20)

Warum ... fotografiert man so ein Motiv???




















In einem früheren Blogartikel hatte ich schon einmal darüber berichtet, wie meine Sammelleidenschaft für Halteverbotsschilder entstanden ist.
Weil ich meine Archive sehr häufig durchstöbere, stoße ich immer wieder auf einzelne Motive, die weit verstreut in den chronologisch sortierten Ordnern liegen. Wenn ich sie thematisch sortiere - hier wirkt eine gute Verschlagwortung wahre Wunder! - zeigt sich, dass diese Motive einem grundlegenden Muster folgen. Der Schilderwald ist eines dieser typisch deutschen Phänomene, das mich immer wieder dazu bringt, auf den Auslöser zu drücken.

Diese Einzelmotive sind oft keine schönen oder spektakulären Bilder. So etwas würde man sich nicht Zuhause an die Wand hängen. Sie eignen sich weder als Postkarte noch als Geburtstagsgruß, es sei denn, der Gegrüßte hat einen Sinn für skurrilen Humor.

Für mich sind solche Fotos trotzdem wichtig. Bei dieser Art der "Streetfotografie" sind keine Menschen zu sehen, aber ihre Anwesenheit ist eine Grundvoraussetzung: Die Botschaften der hier abgelichteten Symbole richten sich nicht an vorbeifliegende Singvögel oder streunende Katzen. Sie gelten der Spezies menschlicher Verkehrsteilnehmer. Für mich sind es kultische Objekte der Neuzeit, die von Menschen erdacht und aufgestellt wurden, um für Ordnung zu sorgen.
 

Wenn die Schilder genau das Gegenteil bewirken, entsteht ein kurzer Moment der Verwirrung oder des Staunens, der mich zur Kamera greifen lässt. Bei anderen Motiven sind es andere Gemütszustände, dann sehen die Bilder natürlich anders aus.

Verwirrung oder Überforderung sind Gefühle, die wir eigentlich nicht mögen. Darum blenden wir unbewusst vieles aus: Wir sehen nicht, was direkt vor uns ist, oder wir nehmen nicht wahr, was mit uns passiert. Bei der Meditation, die ich seit Jahren praktiziere, wird die Aufmerksamkeit trainiert: Was passiert gerade um mich herum und was passiert mit mir selbst? Bin ich gerade ärgerlich, nervös oder entspannt? Woran mache ich das fest? Diese Übung hilft mir auch beim Fotografieren.

Fotografieren als Achtsamkeitsübung
Wenn ich ein Bild gestalte, kann ich ganz bewusst die Dinge weglassen, die mich stören. Diese Dinge muss ich aber erst einmal wahrnehmen.  
Ein schönes, aufs Wesentliche reduziertes Foto ist für den Betrachter angenehmer und beruhigender als ein chaotisches Motiv. Darum bedeutet Bildgestaltung in der Fotografie nichts anderes als Ordnung ins Chaos bringen. Das ist ein Vorgang, der bei manchen Menschen intuitiv abläuft, bei anderen vom Verstand geleitet wird. Deshalb kann man Gestaltung auch lernen und trainieren. Bevor der bewusste (vom Verstand geleitete) Bildgestaltungsprozess einsetzt, passieren noch ein paar andere Dinge:
  1. Ich stelle fest, da ist etwas, das mich irritiert oder interessiert.
  2. Ich halte inne. In diesem Moment gibt keine Worte, die das Erleben beschreiben oder begleiten.
  3. Ich schaue mir das Motiv genau an und
  4. versuche herauszufinden, was genau meine Aufmerksamkeit geweckt hat. Dabei fokussiert sich meine Wahrnehmung zunehmend auf bestimmte Elemente - ich will wissen, was das war. Dabei schaltet sich der Verstand ein.
  5. Ich entdecke, was es ist und kann dem  Ding einen Namen geben.
  6. Ich widerstehe der Versuchung sofort zu knipsen, was da ist.
  7. Ich schaue noch einmal genau hin und versuche mir klarzumachen, was ich fotografieren muss, und wie ich es fotografieren muss, um diesen Moment einzufangen.
  8. Die fotografische Arbeit beginnt: Ich lege Perspektive, Bildausschnitt, Brennweite, Belichtung etc. fest. Dabei analysieren Verstand und Ego bereits gemeinsam,  wie das Bild idealtypisch aussehen sollte, aber auch für welchen Zweck und welche Zielgruppe es geeignet sein könnte. Bereits hier entstehen erste Ideen, ob und wie ich das Bild gegebenenfalls bearbeiten werde.
  9. Wenn das alles klar ist, erfolgt die Aufnahme.
Wenn ich so vorgehe, fotografiere also nicht (nur) das Objekt, das ich gesehen habe, sondern ich versuche, den vorausgegangenen Prozess des Erlebens in einem Bild zu verdichten.
Auf meiner Homepage zitiere ich den Spruch von Yedi-Meister Yoda: Es gibt kein Versuchen, nur Tun oder Nicht-Tun. Wenn ich hier also schreibe, dass ich versuche, ein Foto zu machen, dann klingt das wie ein Widerspruch. Die Sache ist kompliziert.   ;-)


Tun oder Nicht-Tun
Wenn ich ein Foto mache, habe ich mich fürs "Tun" entschieden. Manchmal mache ich kein Foto, weil ich erkenne, dass sich das Erlebte nicht mit diesen Mitteln festhalten lässt.
Manchmal müssen all diese Prozesse (1-9) in Sekundenschnelle ablaufen, z.B. wenn sich das fürs Motiv wichtigste "Objekt" bewegt, oder wenn sich das Licht verändert.

Versuch gelungen?
Wenn für mich beim Betrachten eines Fotos der gesamte Entstehungsprozess wieder lebendig wird, dann ist das Foto für mich persönlich "gelungen". Das heißt aber noch lange nicht, dass ein anderer Betrachter meinen Erlebnisprozess nachvollziehen kann. Er sieht nur das Ergebnis: Ein Bild, mit dem er/sie etwas anfangen kann - oder auch nicht.

Warum manche Bilder (immer) funktionieren und andere nicht
Bei schönen und spektakulären Bildern lässt sich das "Wow"-Gefühl sehr leicht auf einen Betrachter übertragen. Eine tolle Landschaft, ein Sonnenuntergang, dramatische Farben - das versteht jeder sofort und ganz unmittelbar. Der Betrachter empfindet automatisch angenehme Gefühle, erinnert sich an schöne, eigene Momente, die von einem Wow-Bild ausgelöst werden. Es entsteht vielleicht die Sehnsucht, selbst an so einen wunderbaren Ort zu reisen, und/oder selbst so wunderbare Momente zu erleben und zu fotografieren.

Bei einem Foto von einem Schilderwald oder anderen Alltäglichkeiten passiert das nicht so oft. Im Gegenteil, es kommen womöglich Erinnerungen an eine stressige Parkplatzsuche auf. So ein Bildmotiv weckt bestenfalls Assoziationen ans städtische Umfeld, das man vielleicht hasst, weil man viel lieber auf dem Land leben würde. So ein Foto kann also keinen Wow-Effekt bei anderen auslösen. Es kann höchstens diejenigen zum Nicken oder Schmunzeln bringen, die ähnliche Erfahrungen und eine ähnliche Sichtweise haben.

Technisch und gestalterisch mangelhafte Schnappschüsse sind oft so beliebt, weil sie den Reiz eines besonderen (lustigen, skurrilen) Moments vermitteln, oder weil es nur dieses eine Foto gibt, das lebhafte Erinnerungen weckt. Ob Schnappschuss oder Fünf-Sterne-Bild: Für jeden Fotografierenden ist und bleibt das selbst aufgenommene Bild einzigartig. Es bleibt mit dem subjektiven Entstehungsprozess verbunden und weckt viele komplexe Erinnerungen, die einem unbeteiligten Betrachter niemals zugänglich sein werden. Darum ist es auch kein Wunder, dass sich die Wettbewerbsfotografie immer wieder um die gleichen Themen und Motive dreht. Dieses weitgehend genormte Bild-Erlebnis ist in der Fotoszene fest verankert und wird nur selten durchbrochen. Das gilt auch für Agenturmotive. Die meisten Bilder in der Werbung, auf Webseiten und in Büchern stammen aus solchen Agenturen, dadurch verankert sich auch diese Ästhetik in unserer (unterbewussten) Wahrnehmung. Was nicht in diese Schublade passt, wird eher abgelehnt. Als Fotograf kann man dieser Ästhetik folgen oder sein eigenes Ding machen. Fragen Sie sich also 

"Wieso, weshalb, warum?"

...fotografiere ich?


Für mich gibt es mehr als einen Grund. Der wichtigste lautet: Ich fotografiere, weil ich neugierig bin, und weil mich selbst die banalsten Kleinigkeiten dieser Welt immer noch zum Staunen und zum Schmunzeln bringen (=der Prozess).

Fotos (=das Ergebnis) sind für mich Orientierungspunkte im beständig aufsteigenden Nebel des Vergessens. Sie halten Erinnerungen wach, egal ob es schöne oder schnöde Motive waren.


Die Erfahrung bringt es mit sich, dass man irgendwann weiß, welche Motive man nicht zum Wettbewerb oder bei einer Agentur einreichen braucht. Auch wenn man das Handwerk beherrscht hören das Lernen und das Erfahrungensammeln nie auf.


Montag, 11. März 2019

TV-Tipps & Ausstellungen


Auch in diesem Monat ist die Auswahl an Sendungen für Fotografen begrenzt, darum verbinde ich die TV-Tipps diesmal mit zwei Veranstaltungshinweisen für Fotobegeisterte im Münchner Raum.
Die Seitenblicke sind diesmal von einem Jubiläum geprägt: Am 1. April 1919 wurde das "Staatliche Bauhaus" von Walter Gropius in Weimar als Kunstschule gegründet. Nach Art und Konzeption war es damals etwas völlig Neues, da das Bauhaus eine Zusammenführung von Kunst und Handwerk darstellte. 

Nachdem wir gerade den Weltfrauentag hinter uns haben, empfehle ich hierzu die Sendung "Bauhausfrauen", die am  06.04.2019 von 21:30 - 22:00 Uhr auf Tagesschau24 wiederholt wird. Der Film wirft einen ganz neuen Blick auf den Mythos Bauhaus und erzählt dessen Geschichte aus einer anderen Perspektive.

Hier sind alle weiteren Sendetermine, Tipps zu Kunst & Kultur sowie Links zu den Mediatheken.



Donnerstag, 7. März 2019

Lumix FZ1000 II erscheint - mit neuem Handbuch















Echte Fans der Lumix FZ1000 wissen es vielleicht schon: Panasonic bringt im März eine FZ1000 II auf den Markt und erfüllt damit endlich den Wunsch vieler Fotografinnen und Fotografen, die sich schon vor zwei Jahren eine "runderneuerte" FZ1000 gewünscht hatten. Sensor und Objektv sind unverändert geblieben, dafür kommen jetzt der Touchscreen und einige Funktionen, die an neueren Lumix-Modellen Standard sind. Welche Änderungen es gibt, können Sie im Testbericht bei digitalkamera.de nachlesen

Seit ein paar Minuten ist es amtlich: Ja, ich werde ein Handbuch zur Lumix FZ1000 II schreiben. Der derzeit geplante Erscheinungstermin ist Juli, hängt aber noch vom tatsächlichen Auslieferungtermin der Kamera ab. Das ist auch eine gute Nachricht für alle, die das alte Handbuch zur FZ1000 immer noch suchen. Ähnlich wie bei der GX80/GX8 werde ich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Modelle herausarbeiten und hier im Blog für die FZ1000-Fotografen eine Zusammenfassung zum Download anbieten.

Jetzt hoffe ich, dass sich der angekündigte Liefertermin nicht verschiebt. Weitere Infos folgen, sobald meine FZ1000 II eingetroffen ist.

Montag, 4. März 2019

Alte Schätze: Das Digitalisierungsprojekt

Letzte Woche war der Drucktermin für das Handbuch zur Nikon Coolpix P1000. Somit habe ich jetzt wieder mehr Zeit für das Langzeitprojekt "Fotos und Dias digitalisieren". Zwei Tage lang habe ich nur noch farbstichige, verfusselte und verstaubte Motive am Computermonitor gesehen, das ist schon eine spezielle Erfahrung. Bald kann ich mich als digitaler Bildrestaurator bewerben.

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Verschossene und vergilbte Fotos gehören beim Scannen zum Alltag. Wenn man die Software richtig einstellt, entfernt sie typische Farbstiche recht zuverlässig. Das ist oft einfacher, als die gescannten Motive erst später in Lightroom zu korrigieren. Allerdings muss man neben dem Scanner sitzenbleiben und die Einstellungen für jedes Motiv anpassen. Staub und Kratzer entfernen kann gute Software auch, aber das geht nicht selten auf Kosten der Bildschärfe. Ich fotografiere schon seit meiner Kindheit mit großer Begeisterung, aber ich hatte keine hochwertigen Kameras. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich dreißig Jahre später Fotografin beziehungsweise Fotofachbuchautorin werden würde, hätte ich vielleicht länger gespart und mir doch die ganz teure Profikamera gekauft. Hätt i, daad i, war' i, sagt man bei uns in Bayern. Das bedeutet so viel wie: Jetzt ist es zu spät, sich darüber Gedanken zu machen, der Zug ist abgefahren. Die gute Nachricht für mich lautet: Ich muss die Originale nicht mehr aufbewahren.
 

Alte Digitalmotive 
Falls Ihre Digitalkamera zehn Jahre alt oder sogar noch älter ist (ja, das gibt es!), dann fassen Sie sich ein Herz und kaufen Sie sich bald eine neue. Selbst preiswertere Kameras aus dem Jahr 2017 oder 2018 sind um Lichtjahre besser als sündhaft teure Geräte, die vor zehn Jahren auf dem Markt waren. In den 2000er Jahren steckte die Digitalfotografie noch in ihren Kinderschuhen und das sieht man den Fotos von damals auch an. Das gleiche werde ich womöglich in zehn Jahren über die heutigen Spitzenmodelle schreiben. Wir müssen uns einfach daran gewöhnen, dass moderne Kameras Computer sind und schneller veralten. Siehe dazu den Artikel Kann es sein, dass Fotoapparate altern?

Brügge, 1982
Doch zurück zum Digitalisierungsprojekt: Nach einem eher frustrierenden Schnelldurchlauf durch stumpfe, farblose und wenig interessante Urlaubsmotive aus Budapest, Wien und Brügge erinnerte ich mich an einen Satz, den ich wohl für den Großen Fotokurs verfasst hatte: "Fotografieren Sie Ihre persönliche Sichtweise auf Sehenswürdigkeiten und lichten Sie zum Beispiel den Eiffelturm nicht (nur) so ab, wie Sie ihn von Postkarten kennen. Ärgern Sie sich nicht über andere Touristen, die Ihr Motiv scheinbar verunstalten. Genau die könnten eines Tages den Unterschied zwischen einem interessanten und einem langweiligen Bild ausmachen. Das Alltägliche, das in den Bildern - manchmal versehentlich - auftaucht, verankert Ihr Foto in einer ganz bestimmten Zeit und macht es nach einigen Jahren historisch wertvoll." Deshalb sehe ich Softwareprodukte oder Apps, mit denen man Personen teilweise vollautomatisch aus Fotos herausretuschieren kann, mit gemischten Gefühlen.


Einerseits sind solche Funktionen nützlich und wichtig, um die Persönlichkeitsrechte der (versehentlich) mitfotografierten Passanten zu schützen. Viele Fotos sehen auch schöner aus, wenn man störende Elemente entfernt. Mit solchen Retuschearbeiten verändert man aber auch den Blick auf die Realität: Die Bilder suggerieren dem Betrachter, dass Sie in einem menschenleeren Paradies Urlaub gemacht haben, dabei waren zweihundert andere Personen mit Ihnen am Traumstrand? Nun ja, Geschmackssache. Streetmotive entfalten gerade durch das Vorhandensein von Personen ihre ganz besondere Wirkung. Da würde ich nicht retuschieren, sondern die Passanten lieber als Teil der Szene ins Motiv einbauen.

Welche Bilder sind "wertvoll"?
Beim Rückblick ins Archiv stechen meist Fotos von Personen heraus:  Familienangehörige, Freunde, Mitschüler, Kollegen oder Wegbegleiter, an deren Namen man sich manchmal gar nicht mehr erinnern kann. Haben Sie Fotos von persönlichen Erinnerungen wie das erste Auto, die erste eigene Wohnung oder Bilder von Orten, die es heute in dieser Form nicht mehr gibt? Bei diesen Motiven spielt die Bildqualität eine völlig untergeordnete Rolle. Ich habe mich gefreut wie ein Schneekönig, als ich in einem Diakoffer auf eine Fotoserie aus dem Jahr 1983 gestoßen bin. Bevor ich aus meiner ersten (und einzigen) Wohngemeinschaft auszog, habe ich noch alle Räume fotografiert. Beim Anblick dieser Bilder kommen mehr Erinnerungen hoch als bei jedem noch so gelungenen Reisefoto. Das Kaninchen, das Sie oben im Gemüsebeet sehen, ist eine dieser privaten Erinnerungen. Unser WG-Mitbewohner hatte das Beet mühevoll angelegt. Die jungen Pflänzchen darin waren einfach viel leckerer als die riesengroße grüne Wiese, auf der Moppel herumspringen durfte.

Natürlich sind zwischen all den langweiligen, unscharfen und verfusselten Motiven auch wieder ein paar fotografisch wertvolle Exemplare aufgetaucht. Die habe ich mit besonders hoher Auflösung eingescannt und werde mir im Lauf der Zeit auch die Mühe machen, jeden Fussel wegzustempeln.

Könnte überall gewesen sein, wo es Meer gibt.   ;-)
In diesem Fall war es Öland (Schweden), 1982

Im betrachtenswert-Blog finden Sie vereinzelte Analogmotive in der Rubrik  Alte Schätze

Quick & Dirty Lösung für Sparsame
Wenn Sie weder Lust noch Zeit haben, alte Fotos mühevoll einzuscannen, dann nehmen Sie Ihre Digitalkamera zur Hand, zur Not tut's auch das Smartphone. Fotografieren Sie die Bilder einfach ab. Achten Sie dabei darauf, dass die Orginale plan aufliegen und gut beleuchtet sind, damit Sie Ihr Bild vom Bild nicht verwackeln. Problematisch bei dieser Methode sind Schattenwürfe und Spiegelungen auf Hochglanzabzügen. Da  muss man mit der Beleuchtung kreativ werden. 
Wenn es nicht funktioniert: Die meisten modernen Drucker sind sehr preiswert und sogenannte Multifunktionsgeräte. Das heißt sie haben auch einen integrierten Flachbettscanner, mit dem man alte Fotoalben oder Fotoabzüge relativ gut digitalisieren kann. Mir hat auch schon mal jemand erzählt, dass er alte Super-8-Filme mit dem Smartphone abgefilmt hat. Solange das Abspielgerät zu den Filmrollen noch vorhanden ist und noch funktioniert, ist das eine recht pragmatische Lösung. Projizierte Dias von einer Leinwand abfotografieren geht notfalls auch. Man darf qualitativ keine Wunder erwarten, aber es spart eine Menge Zeit und Geld.