Freitag, 9. November 2018

Nikon Coolpix P1000 - Eine Grenzerfahrung

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, als ich im Sommer den Vorschlag machte ein Handbuch zur Nikon Coolpix P1000 zu schreiben. Diese "Kamera, die ein Teleskop sein könnte" ist zwar eine Bridgekamera, aber sie ist klobig, sperrig und schwer. Sie ist so ein fetter Bomber, dass man damit sofort auffällt und angesprochen wird. Damit ist sie also genau das Gegenteil von dem, was ich normalerweise bevorzuge. Und jetzt kommt das große ABER: sie ist irgendwie geil. Verzeihen Sie mir diesen Ausdruck, aber mir fällt gerade nichts Besseres ein.

Bleiben wir für einen Moment bei den Nachteilen und häufig erwähnten Kritikpunkten.
  • Schwer heißt: die Kamera wiegt fast 1,5 kg (1.419 g)
    Das bin ich einfach nicht mehr gewohnt. Zwei Stunden mit der P1000 fotografieren und Sie brauchen einen Termin beim Masseur, der Ihre Oberarm- und Rückenmuskulatur lockert. Wer mit einer Vollformat-Spiegelreflexkamera und einem hochwertigen Teleobjektiv fotografiert, kann da nur müde lächeln: Ein Spiegelreflexgehäuse bringt ohne Optik 700-950g auf die Waage und gute Objektive sind immer schwer. Das Canon EF 70-200mm 1:2,8 L IS II USM bringt es allein auf anderthalb Kilo. Gewicht ist also nicht unbedingt ein Argument gegen die P1000. Rechnen wir testweise zusammen, was die verschiedenen Objektive kosten würden, die man bräuchte, um den an der P1000 verfügbaren Brennweitenbereich abzudecken, dann ergibt sich für die P1000 ein ausgesprochen gutes Preis-Leistungsverhältnis.

  • Klobig heißt: Die P1000 ist nur unwesentlich größer als eine DSLR, aber mit voll ausgefahrenem Zoom (3000 mm) muss man sich nicht wundern, wenn man von Passanten nach dem Waffenschein gefragt wird... ;-)
  • Sport- und Tierfotografen dürften dieses Phänomen allerdings auch kennen. Schauen Sie bei der nächsten Fußballübertragung mal an den Spielfeldrand, wo die Profis mit den langen Objektiven sitzen. Von Passanten wird der Wert (Preis) der Kamera wohl auch deshalb maßlos überschätzt.

    "Size matters"... oder: es kommt auf den Einsatzzweck an.

  • Teuer heißt: 1.099 EUR Neupreis
    Ob etwas teuer ist, ist immer Ansichtssache. Für das, was die P1000 bietet, finde ich den Preis okay. Warum?

    Die Abbildungsleistung des oben erwähnten Canon Objektivs ist eindeutig besser, da beißt die Maus keinen Faden ab, dafür kostet es auch knapp 2.000,- EUR (ohne Kamera) und ist ein reines Telezoom (70 - 200 mm). Das Objektiv der P1000 deckt einen Brennweitenbereich von 24 bis 3000 mm ab und das ist kein Schreibfehler! Nahaufnahmen sind im Weitwinkelmodus mit 1 cm Abstand zum Motiv möglich, man spart sich also das Makroobjektiv. An anderen Ende des Brennweitenspektrums kommt man an Motive heran, für die man extrem teure und sehr schwere Spezialobjektive bräuchte, wenn es sie denn überhaupt für das eigene Kameramodell gibt.

    Die P1000 hat einen eigenen Kameramodus für Mondaufnahmen, das heißt man kann selbst als ungeübter Fotograf gestochen scharfe, formatfüllende Bilder unseres Erdtrabanten machen - aus der Hand. Sicher kann man argumentieren, ob und wie oft man so eine Funktion braucht. Ein Mondfoto ist wie das andere, so ein "Spezialfeature" nutzt sich nach der ersten Begeisterung schnell ab. Denken wir also eher in Richtung Tier- und Sportfotografie, denn auch dort sind die extrem langen Brennweiten gefragt. Geht das mit der P1000? Ich würde sagen ja.

    600 mm | 1/80 s | f5,6 | ISO 400

  • Sensorgröße heißt: CMOS-Sensor 1/2,3" 6,2 x 4,6 mm (Cropfaktor 5,6)
    Das ist ein Schwachpunkt: Ein kleiner Sensor liefert keine besondere Schärfe und Detailgenauigkeit, bei schwachem Licht entsteht stärkeres Bildrauschen und die Fotos werden nicht so klar und brilliant. Hinzu kommt, dass die P1000 nur im Weitwinkelbereich eine Anfangsöffnung von f2,8 hat, mit zunehmender Brennweite reduziert sich die Lichtstärke sehr schnell und bei f8 ist schon Schluss.
    Es stellt sich also die berechtigte Frage, ob man mit so einer Kamera überhaupt richtig fotografieren kann, oder ob man von den Bildergebnissen nicht maßlos enttäuscht sein wird. Das hängt wie immer von den persönlichen Ansprüchen ab.
Klar ist, dass die P1000 keine "Profikamera" ist und sicher auch kein "Immerdabei"-Modell, das sich für alle Lebenslagen eignet. Für mich lautet deshalb die Frage: für wen ist sie interessant und was muss man beachten, wenn man sie benutzt?

Der erste Praxistest
Meine vorbestellte P1000 ist immer noch nicht lieferbar, aber durch eine wirklich glückliche Fügung hat sich Anfang der Woche eine Frau bei mir gemeldet, die die P1000 seit vier Wochen hat - tu felix Austria, kann ich da nur sagen! Wir haben uns im Tierpark verabredet und danach hat sie mir ihre nagelneue P1000 für zwei Tage geliehen, damit ich schon mal mit dem Buch anfangen kann. Heike, das werde ich Dir nie vergessen!


Schwaches Licht im Zoo, beschlagenes Objektiv - die P1000 schlägt sich gut.
(Klick aufs Bild für größere Ansicht)
Schritt 1: Muskelaufbau
Mein erster Fotospaziergang war anstrengend wie das Hanteltraining im Fitnessstudio! Deshalb weiß ich auch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich mein Körper an die neuen Trainingseinheiten gewöhnt hat. Die Kamera zwischendurch immer wieder absetzen und die Arme ausschütteln tut not, aber das Training ist interessant und kurzweilig. Obwohl ich ein Einbeinstativ habe, werde ich erst mal ohne dieses nützliche Hilfsmittel mit der P1000 fotografieren.

Schritt 2: Training der Feinmotorik
Bisher war ich Brennweiten bis 600 mm gewohnt. Ab 1000 mm Brennweite wird es richtig schwierig, den Bildausschnitt freihändig exakt zu gestalten. Jede noch so kleine Bewegung führt dazu, dass der Bildausschnitt verrutscht, mitunter sehr stark. Je stärker man zoomt, desto schwieriger wird es beim Auslösen die Kamera in Position zu halten. Das gilt umso mehr für Aufnahmen im Hochformat, hier machen sich die 1,5 Kilo Gewicht besonders unangenehm bemerkbar. Das muss man üben und dabei die Atemtechnik wie ein Scharfschütze perfektionieren. Meine ersten Bilder mit +1000 mm Brennweite sind deshalb eher mittig gestaltet. Bei 16 Megapixel Bildauflösung (4.608 x  3.456 Pixel (4:3)) bleibt genug Luft, um das Motiv im Bildbearbeitungsprogramm zurechtzurücken. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis man sich an diese neue Situation gewöhnt hat.


3000 mm - beim Auslösen die Kamera verrissen... Übungssache!

Schritt 3: Staunen
Wenn man eine Kamera mit einem so starken Telezoom hat, dann ist man automatisch geneigt, diese Brennweite auch auszunutzen. Motive in unmittelbarer Nähe hat man ja schon zuhauf fotografiert, jetzt wird auf alles gezoomt, was man vorher nie erreichen konnte. Wie gut das funktioniert hat mich gleich auf den ersten Metern beeindruckt. Warum ein Makro aus geringer Distanz fotografieren, wenn man eine Hagebutte auch mal mit 3000 mm aufnehmen kann? Die winzige Spinne (2mm) in ihrem Netz habe ich erst im elektronischen Sucher gesehen. Ich habe versucht, sie anschließend mit dem Makromodus zu fotografieren, aber das hat nicht geklappt, weil der Bildwinkel bei 24 mm Brennweite viel zu groß war.

Maximaler Zoom: 3000 mm, Distanz zum Motiv 10 Meter (!)
Modus S, 1/640 s | f8 | ISO 500 | -2 LW


"Normal" fotografieren geht auch:
24 mm | 1/500 s | f2,8 | ISO 100


Mein erster Eindruck nach zwei Tagen
Die P1000 eröffnet ganz neue Horizonte. Ich schaue anders. Motive in großer Entfernung werden plötzlich interessant und ich sehe Dinge, die ich vorher mit bloßem Auge gar nicht sehen konnte. Sie lassen sich sogar (unbemerkt) fotografieren, wie die scheuen und übervorsichtigen Krähen, die weit oben im Baumwipfel sitzen, und überhaupt nicht auf die Idee kommen, dass ich sie im Visier habe.

Ich wollte es nur ausprobieren...

Das nächste Aha-Erlebnis hatte ich kurz vor Sonnenuntergang, als ich mit 575 mm Brennweite und einer halben Sekunde Belichtungszeit aus der Hand im schummrigen Licht eine Aufnahme von fließendem Wasser gemacht habe. Die Tropfen auf den Blättern waren immer noch scharf, der Bildstabilisator ist sensationell gut. Die Sorge, dass die Kamera den ISO-Wert beim Zoomen sehr schnell nach oben ziehen würde, hat sich nicht bestätigt. Bis 2000 mm Brennweite sehen die Bilder - der Kameraklasse/Sensorgröße entsprechend - gut aus, bei ausreichender Helligkeit sogar sehr gut.

575 mm | Modus S | 1/2 s | f8 | ISO 100



Bei Available Light Aufnahmen im Dunkeln kommt man an die Grenzen, da sollte man gar nicht erst zoomen. Die Programmautomatik reagiert nicht wie bei anderen Kameras, die auf eine moderate Belichtungszeit (1/25 s oder 1/10 s) und einen hohen ISO-Wert (3200) setzen. Die P1000 verlängert die Belichtungszeit gnadenlos auf eine halbe oder eine Sekunde und hält den ISO-Wert niedrig. 
Wechselt man zum Modus S und den gewohnten Belichtungszeiten wird man mit starkem und sehr unschönem Bildrauschen bestraft (ISO 1600). Trotz der sehr guten Bildstabilisierung ist man gezwungen zum Stativ zu greifen. Das ist für mich persönlich schade, aber diese Programmierung ist konsequent und richtig, weil sie Bequemlichkeit unterbindet und Bildqualität erzwingt.

24 mm | Modus P | 0,8 s | f2,8 | ISO 800


Bewegungen erkennt der Autofokusmodus AF-F sehr gut, er stellt sogar unter schwierigen Bedingungen noch korrekt auf bewegte Motive scharf.

1300 mm | Modus S
1/500s | f5,6 | ISO 250

Der elektronische Sucher ist gut, war aber viel zu hell eingestellt. Das hat mich anfangs dazu verleitet, die Aufnahmen unnötig in der Belichtung zu korrigieren. Der Sucher und der Monitor lassen sich aber in der Helligkeit regulieren. Ebenfalls neu ist für mich der Umstand, dass die JPEG-Dateien aus der Kamera sehr gut aussehen und dass ich bei der RAW-Verarbeitung in Lightroom noch Anlaufschwierigkeiten habe. Der erste Firmware-Update zur P1000 ist bereits da, dabei wurden Korrekturwerte für NRW-(RAW-)Daten verändert...

Jetzt gibt es also viel zu tun und ich freue mich auf die nächsten Wochen mit der P1000. Wegen der Lieferverzögerung ist der Erscheinungstermin des Handbuchs voraussichtlich März 2019.


Mittwoch, 24. Oktober 2018

Tausend Worte und ein Bild

Was ist ein gutes Bild und sagt ein Bild mehr als tausend Worte?
Das sind Fragen, über die wir wahrscheinlich noch in hundert Jahren kontrovers diskutieren werden. Dazu vorneweg zwei Zitate von gestandenen Profis:
  • Ein Bild sollte man anschauen - nicht darüber reden. (Elliot Erwitt)
  • Worte und Bilder kommunizieren gemeinsam viel stärker als alleine.
    (William Albert Allard)
Erwitt, geboren 1928, war in den 1960er Jahren Präsident der legendären Agentur Magnum. Allard, geboren 1937 hat ebenfalls für Magnum und für National Geographic gearbeitet. Die beiden wissen also, wovon sie sprechen.

Beide haben recht
Es kommt immer auf den Kontext an. Es gibt Bilder, die sich dem Betrachter sofort erschließen, trotzdem kann man zu einem Foto unterschiedliche Gedanken haben. Manchmal hat es etwas mit der "Tagesform" zu tun. Gut gelaunte Menschen sind leichter zu begeistern als jemand, der mit dem linken Fuß aufgestanden ist. Zudem hat jeder Mensch seine ganz eigenen Assoziationen. Wer Katzen nicht leiden kann, wird Katzenfotos einfach nicht niedlich finden.
Mit einem erläuternden Text unter oder neben einem Bild kann man die Aufmerksamkeit des Betrachters lenken, dessen eigene Gedanken und Assoziationen werden schneller unterbrochen. Die begleitenden Worte können auf etwas hinweisen, woran der Bildbetrachter selbst nicht sofort denken würde.

München Giesing
Gentrifizierung eines ehemaligen "Glasscherbenviertels"

Überflüssig sind Begleittexte, wenn sie nur das Offensichtliche beschreiben, und selbst da gibt es Ausnahmen: Texte für Barrierefreiheit im Internet zum Beispiel, die Blinden helfen zu verstehen, was auf einem Bild zu sehen ist. Fotos in Bildagenturen werden nicht nur mit Schlagwörtern versehen, manche Fotografen machen sich auch die Mühe, einen kurzen beschreibenden Text mitzuliefern. Diese Beschreibung, die man in den IPTC-Daten hinterlegen kann, soll dafür sorgen, dass das Motiv besser gefunden wird.

Wort und/oder Bild?
Erinnern Sie sich an den Deutschunterricht, Stichwort "Bildbeschreibung"? Die meisten meiner Mitschüler haben es gehasst, ich fand es schwierig aber inspirierend. Versuchen Sie einmal eines Ihrer Fotos so zu beschreiben, dass ein Blinder sich vorstellen kann, was Sie fotografiert haben. Das ist eine schöne Übung, bei der Sie vielleicht einige Dinge im Bild entdecken, die Sie vorher noch gar nicht bemerkt haben. 

"Eine junge Frau mit brünettem schulterlangem Haar läuft durch ein saftiges grünes Weizenfeld. Sie trägt ein rotes Kleid, hält einen aufgespannten Regenschirm in der einen und einen Koffer in der anderen Hand. Am tiefblauen Himmel über der Szene sieht man Schönwetterwolken am Horizont."
Sie wissen jetzt noch nicht welche Farbe der Regenschirm hat, ob die Frau ihn in der linken oder rechten Hand trägt und ob sie in die Kamera lächelt. Das Bild könnte im Hochformat gemacht sein und sie läuft mit dem Rücken zur Kamera Richtung Horizont durchs Feld. Es könnte aber auch ein Querformat sein und die Bewegungsrichtung verläuft von rechts nach links...? Am Ende des Artikels finden Sie den Link zum Foto und können selber nachschauen.

Bilder entstehen im Kopf
Sagt so ein Bild mehr als tausend Worte oder reicht die Beschreibung, um das Motiv in Ihrer Vorstellungskraft lebendig werden zu lassen? Wenn Sie das Foto sehen, werden Sie vielleicht "wow" rufen, denn es ist ein plakativer Hingucker, gestaltet nach der Drei-Farben-Regel.
Während man den Text liest, wirft die Beschreibung vielleicht andere Fragen auf:
Welcher vernünftige Mensch kommt auf die Idee, bei strahlend blauem Himmel mit aufgespanntem Schirm und einem Koffer in einem roten Kleid durch ein Weizenfeld zu laufen? Zu Ihrer Beruhigung: So etwas fällt nicht nur Fotografen ein. Schon die klassischen Kunstmaler haben sich mit derlei Szenarien befasst - Claude Monet zum Beispiel. Ist das Foto also Kunst, weil es eine Hommage an die "Frau mit Sonnenschirm" ist? Wofür braucht man solche Bilder? Das kann ich Ihnen sagen: Zum Beispiel um die Drei-Farben-Regel zu erklären, oder einfach nur weil es hübsch aussieht.



Auf die Wirkung kommt es an
Bei Fotos, die in Foren oder sozialen Medien wortlos zur Kenntnis genommen werden, entsteht manchmal der Eindruck sie seien schlecht. Vielleicht sind sie aber auch "nur" unkonventionell oder dokumentarisch.

In einem Lumix-Forum zeigte neulich jemand seine Fotos völlig unkommentiert und bekam postwendend den Hinweis, er möge doch ein paar Sätze zu den Bildern schreiben. Bei anderen Fotomotiven kam diese Frage nicht. Manche Bilder müssen wohl doch erklärt werden. Zu sehen war ein graues Schiffswrack in eine Flussbett, das sich vom grauen Hintergrund nur wenig abhob. Die nachgelieferte Erklärung enthielt einen Link zu einer Pressemeldung, der man entnehmen konnte, dass der extrem niedrige Wasserstand am Unterlauf des Rheins derzeit Dinge ans Tageslicht bringt, die wahrlich sensationell sind: Der Frachter hatte dort 123 Jahre lang gelegen. Das hätte ich nie erfahren, wenn dieser Fotograf das Bild nicht gemacht und gepostet hätte. Natürlich hätte ich auch ohne diese Information entspannt weiterleben können. Ich berichte aber trotzdem gerne über diese Begebenheit, weil man nicht immer tolle Wow-Bilder abliefern muss. Manchmal reicht eine gute Erklärung und das Wow kommt hinterher.

Wenn Sie jetzt noch ein skurriles Agenturfoto sehen wollen, dann klicken Sie auf den nachfolgenden Link zur Agentur photocase. Das Werk trägt den Titel: Oktoberfest - Auf Ihn! und erinnert mich persönlich an die Serie Braunschlag, die gerade auf BR wiederholt wird - immer donnerstags um 22:45 Uhr. In dieser österreichischen Produktion gibt es so monumental gestaltete Szenen, dass einem nichts mehr dazu einfällt. Als kreativer Fotograf wissen Sie, dass man sich auch beim Fernsehen oder Filme schauen für die eigenen Arbeiten inspirieren lassen kann. :-)

Weiterführende Links
Elliot Erwitt (Wikipedia)
William Albert Allard (Wikipedia)
Was sind IPTC-Daten?
Agenturmotiv Fotolia:  girl with suitcase and umbrella at wheat field
PGM ArtWorld: Bildmotiv Frau mit Sonnenschirm von Monet anschauen
Dürre legt Schiffswrack aus dem 19. Jahrhundert frei (Spiegel Online)
Braunschlag - Trailer zur Serie (Youtube)

Freitag, 19. Oktober 2018

TV-Tipps

Hier sind die neuen Sendetermine, weitere Tipps zu Kunst & Kultur sowie Links zu den Mediatheken, jetzt auch die von den österreichischen Kollegen, die ihr Online-Archiv als TV-Thek bezeichnen.
Für Fotografen ist bis Mitte November nicht ganz so viel dabei, aber wer sich für Robert Mapplethorpe interessiert, kann sich den 16.11. ab 23:10 Uhr auf arte vormerken. Danach ist der Beitrag drei Monate lang in der arte Mediathek verfügbar.
 
 
 
Planet Wissen macht eine Sendung zum Thema Kreativität. Eine Wissenschaftsdokumentation, die ich schon zweimal gesehen habe und mir noch ein drittes Mal anschauen werde ist The Brain - Das menschliche Gehirn: Was ist die Realität? Das ist wirklich aufschlussreich.
Die Sendung wird am 15.11. um 22 Uhr wieder auf Servus TV ausgestrahlt und ist in keiner Media-/TV-Thek verfügbar. 

Was es sonst noch alles so gibt, können Sie hier nachlesen.

An dieser Stelle noch zwei Ausstellungstipps für München:
  1. Magnum Manifesto im Kunstfoyer
    Maximilianstraße 53, 80538 München, Eintritt frei
    Öffnungszeiten täglich 9-19 Uhr
    Weitere Informationen
  2. Die Lust der Täuschung
    von antiker Kunst bis Virtual Reality

    Kunsthalle der Hypo Kulturstiftung (Fünf Höfe)
    Theatinerstr. 8, 80333 München
    Öffnungszeiten täglich 10 - 20 Uhr

    Der Eintritt kostet montags 6,- an den anderen Tagen 12,- EUR, mit Audioführung kommen noch ein paar Euro obendrauf. Bei den Virtual Reality Exponaten kann es zu längeren Wartezeiten kommen, deshalb wird die Warteschlange dort ggf. schon um 18 Uhr geschlossen.

    Weitere Informationen
Beide Ausstellungen laufen noch bis Februar, aber die Zeit ist immer schnell vorbei. Also lieber demnächst hingehen :-)

Mittwoch, 10. Oktober 2018

#Selfie

Die Dokumentation  #Selfie - Ich und die Welt (BR Mediathek) beschäftigt sich mit dem Phänomen der Selbstinszenierung, die sich weitgehend per Smartphone und in den sozialen Medien abspielt. Sogenannte Influencer sind die neuen Stars, die sich vor allem auf Instagram und Youtube präsentieren. Deutlich wird in der Sendung unter anderem, dass es gar nicht um echte Erlebnisse geht, sondern vor allem darum, dass es aussieht wie ein tolles Erlebnis. Davon bitte jeden Tag mindestens eins, besser noch mehrere Inszenierungen, perfekt in Lightroom gestylt und mit den Produkten der Sponsoren in der Hand. Ich stelle mir das reichlich anstrengend und stressig vor.


Dokumentation vs. Selbstinszenierung
Als ich anfing Fachbücher zu schreiben gab es den Selfie-Wahn noch nicht. Im Netz hatte ich vor gut fünfzehn Jahren aber schon eine Bildstrecke gefunden, die mich beeindruckte: Jemand hatte sich ein Jahr lang jeden Tag mit seiner Digitalkamera selbst fotografiert, immer aus der gleichen Perspektive und mit nahezu dem gleichen Bildausschnitt. In dieser Bildserie konnte man noch sehen, dass der Protagonist jeden Tag anders aussah, sich mal besser und mal schlechter fühlte. Über den relativ langen Zeitraum wurde auch ein leichter Alterungsprozess sichtbar. Formal gesehen waren diese Bilder ebenfalls "Selfies", sind aber nicht das, was wir heute damit assoziieren. Ich würde es eher als Selbstporträt oder als dokumentarisches Fotoprojekt bezeichnen. Damals war so etwas noch neu und ungewöhnlich, jetzt ist es Alltag und schon fast zuviel.



Trotzdem würde ich es nicht wagen, diesen Trend zu verurteilen. Erst fotografieren Eltern ihre Kinder, dann machen die Kinder mit ihren eigenen Bildern weiter. Warten wir mal zehn oder zwanzig Jahre und schauen wir, wie das alles weitergeht. 
Die Generation Selfie ist die erste, die unendlich viele Fotos von sich selbst macht und ihr Leben mehr oder weniger lückenlos in Bildern und Videos dokumentiert. Viele Aufnahmen zeigen idealisierte Wunschvorstellungen, die dank moderner Technik ihren Weg in die Welt finden. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie verschwimmt zusehends, darin sehen manche Kritiker einen drohenden Realitätsverlust. Auch die heute Jungen und Schönen werden älter. Ich bin gespannt, wie sie damit umgehen: Schönheits-OP plus Nachbearbeitung aller Bilder scheint mir am wahrscheinlichsten. Am Ende schauen alle aus wie Michael Jackson? Ja, das ist (m)eine Horrorvision.

Niemand will schlecht aussehen
Es gibt wahrlich schlimme Fotos, auf denen selbst schöne Menschen unschön abgebildet sind. Darum kann ich sehr gut verstehen, dass man solche Bilder nicht zeigt oder löscht. Mit den immer höher auflösenden Digitalkameras kam ein Problem in die Welt, das man vorher bei den verwaschenen und leicht unscharfen Bildern nicht hatte: Man sah plötzlich jede Falte und jede Hautunreinheit. Professionelle Porträtfotografen haben immer schon mit Visagisten gearbeitet und die Fotos anschließend noch optimiert. Semiprofis und Amateure haben nachgezogen, dann kamen die Porträtprogramme in den Kameras und Smartphones mit automatischer Hautglättung. Beim unlängst erschienenen iPhone Xs scheint es die Software-App zu gut mit den Selfisten gemeint zu haben. Viele Nutzer haben sich gegen die zu starke Glättung der Haut beschwert, weil man die Funktion (noch) nicht abschalten kann, andere reagierten mit Humor: "Ach, deshalb hat mir das Selfie neulich gefallen", schrieb einer. Ein anderer wollte wissen, ob man mit dem iPhone jetzt wohl noch ein realistisches Foto vom Gemälde der Mona Lisa machen könne. 
Fakt ist, dass auch andere Smartphones die Gesichter im Selfie-Modus gnadenlos glattbügeln. Der Blick in den Spiegel und der Blick aufs Selfie offenbaren sehr verschiedene Ansichten. Ich habe schon beobachtet, dass manche Frauen anstelle eines klassischen Schminkspiegels die Selfie-Funktion nutzen. Na, ob das gut geht?


Heute fotografiert man rückwärts
Als ich vor ein paar Tagen durch den Hofgarten in München schlenderte, fiel mir eine Gruppe junger Leute auf, die mitten im Park komische Verrenkungen machten. Ich habe sie fotografiert, kann das Bild aber aus Gründen des Persönlichkeitsrechts hier leider nicht zeigen. Fünf Menschen hatten sich in einer Reihe hintereinander aufgestellt, die junge Frau ganz vorne hielt ihr Smartphone hoch. Alle schauten auf den Monitor und positionierten sich so fürs Gruppen-Selfie, dass sie alle im Bild waren. Dann kam der Moment des Auslösens, sie hampelten herum und schnitten lustige Grimassen. Sie waren so konzentriert und vergnügt, dass das ganze Drumherum aus ihrer Wahrnehmung völlig verschwand. Es gab drei Dinge, die mich an dieser durchweg sympathischen Szene faszinierten:
  1. Die Konzentration: Während man darauf bedacht ist, sich fürs Selfie optimal in Szene zu setzen, merkt man gar nicht, was für einen skurrilen Anblick man für andere bietet. Das ist bei uns "normalen" Fotografen auch nicht anders. Wir verrenken uns manchmal auch ganz schön für die perfekte Perspektive und es ist uns egal, wenn andere das albern finden. Beim Blick durch den Sucher oder Kameramonitor sind wir genauso in unsere innere Welt versunken wie die Selfisten.
  2. Die Technik: Zwischen dem Smartphone und der letzten Person in der Reihe war ein riesengroßer Abstand. Die Handykamera muss für so ein Bild eine Schärfentiefezone von mindestens vier Metern erfassen, damit alle Leute scharf abgebildet sind - sieht man das Motiv im entfernten Hintergrund auch noch? Das schaffe ich mit meinen normalen Kameras nicht in ein paar Sekunden.
  3. Das Posing: Früher posierten alle Personen nebeneinander vor einer Sehenswürdigkeit. Einer aus der Gruppe konnte nicht im Bild sein, weil er das Foto machen oder jemanden finden musste, der auf den Auslöser drückte. Zu analogen Zeiten konnte man nicht einmal sicher sein, ob die Aufnahme gelungen war. Heute kann man gleich nachschauen und bei Bedarf nochmal von vorne anfangen, sich schöner und besser in Szene setzen. Das hat nicht nur Nachteile. 
Der Selfie-Trend beschert uns mitunter viel lustigere Erinnerungsfotos und manchmal auch neue Perspektiven. In der Masse sind die Bilder aber genauso austauschbar wie die alten "stell dich da mal hin und ich mache ein Bild von dir" Aufnahmen unserer Eltern. In der Dokumentation des BR sieht man dann auch einen Touristen, der ein Bewegt-Selfie vor Schloß Neuschwanstein aufnimmt und dem Reporter erklärt, dass er mit seinen Bildern eine andere Sicht zeigen will als die anderen Touristen. Der Wunsch nach neuen Ausdrucksformen hat also nicht aufgehört, nur weil alle Selfies von sich machen. 

Jeden Tag ein Bild?
In der Masse von Bildern, die jeden Tag bei Instagram und Facebook gepostet werden, mag ein Fotoprojekt mit diesem Titel wie der schiere Hohn erscheinen. Nur eins?


Ein Fototagebuch habe ich in mehreren Büchern empfohlen, 2007 habe ich es selbst ein Jahr lang durchgezogen und jede Woche ein Bild in meinem Blog gepostet. Die Veröffentlichung der Bilder diente mir dabei vor allem als Motivation, um über den gesamten Zeitraum dranzubleiben. Aus beruflichen Gründen fotografiere ich sowieso sehr viel, aber nicht mehr täglich.
So ein Projekt ist immer noch gut für Leute, die glauben, im Alltagsstress keine Zeit zum Fotografieren zu haben. Um "richtig" zu fotografieren, um das Handwerk zu lernen braucht man tatsächlich etwas mehr Zeit und vor allem Ruhe. Man braucht aber auch Erfahrung und die kommt nur indem man regelmäßig fotografiert. Das Projekt bedeutet nicht, dass man alle Fotos sofort ins Internet stellt. Es soll den Blick für Motive schärfen, die Bildgestaltung verbessern und die Handhabung der Kamera trainieren.

Ich greife zur Kamera, wenn ich bestimmte Motive brauche, vor allem aber wenn mich etwas interessiert. Selfies gibt es fast keine, selten Fotos, auf denen ich zu sehen bin. Mir ist wichtiger was ich sehe, nicht wie ich aussehe. Trotzdem geht es in meinen Bildern immer auch um mich, um meine Sicht auf die Welt. Die Fotografie, die ich jenseits meiner Bücher mache ist dokumentarischer geworden, sie folgt weniger den gängigen Schönheitsidealen. Was man für sich selbst macht, muss anderen nicht gefallen. Das ist die größtmögliche Freiheit, die man sich nehmen kann. Wolfgang Tilmanns ist einer der großen deutschen Fotokünstler und wurde gerade mit dem Goslarer Kaiserring geehrt. Schauen Sie sich mal die Bilder seiner Ausstellung an, die man in diesem Beitrag aus dem Kulturjournal sehen kann. Zwischen einem Selfie und Tillmans Arbeiten liegen Welten und doch ist das alles Fotografie. Sie entscheiden nicht nur was und wie Sie fotografieren, sondern auch wem Sie Ihre Aufnahmen zeigen.

Samstag, 6. Oktober 2018

Ui, ich habe Post!

Ein paar Tage nach meinem Artikel zum Thema Analoge Post im betrachtenswert Blog öffne ich meinen Briefkasten und finde dort tatsächlich eine Postkarte! Danke, liebe Ulrike M., das hat mich total gefreut und Ihre lieben Zeilen auch! Besonders schön finde ich, dass Sie meine beiden Blogs besuchen. :-)

Der Respekt vor dem Urheberrecht verbietet es mir, Ihre Karte mit den Motiven aus der Nationalparkregion Unteres Odertal hier im Blog zu veröffentlichen, aber sie hat mich total neugierig gemacht. In letzter Zeit verreise ich aus familiären Gründen vorwiegend mit dem Finger auf der Landkarte, notiere mir aber alles, was für die Zukunft potenziell interessant sein könnte.

Meine erste Frage war: Wo genau ist das Untere Odertal?
So ungefähr wusste ich es, aber Google Maps hat mir geholfen, mein geografisches Wissen aufzufrischen. Danach klickte ich mich auf die Seiten des Nationalparks durch, schaute zu Flickr und in die Fotocommunity und dachte: Wandern und Radfahren wäre schon fein in dieser Gegend. Anderthalb Stunden ab Berlin, Kraniche und Eisvögel fotografieren in Deutschlands einzigem Auen-Nationalpark... wow! Was so eine Postkarte alles bewirkt. Es müsste mehr davon geben! Das belegt auch die Nachricht, die ich fast zeitgleich von einem Freund erhielt:

@Jacqueline: wir hatten Urlaub und eine Radltour gemacht. Die Postkarten die es so zu kaufen gab waren ja wieder mal total grottig (wie sonst überall auch.) Vielleicht wäre das mal ein Betätigungsfeld für Dich? ;-)


Ja, vor vielen Jahren hatte ich einmal mit diesem Gedanken gespielt, aber Ansichtskartenmotive sind ein örtlich eng begrenztes Thema. Die Nachfrage ist gering, die Auflage niedrig und die Druckkosten sind entsprechend hoch. Der Vertrieb erfolgt über kleine regionale Verlage und die örtlichen Souvenirshops. Damit die Hersteller und Händler mehr anbieten, müsste die Postkarte an sich wieder attraktiver werden. Man findet schon einiges, wenn man vor Ort nach Ansichtskarten sucht. Aber oft sind es altbackene Bilder und verbogene oder verblichene Karten, die so aussehen als stünden sie schon seit Jahrzehnten im Laden. Den größten Raum im Kartenständer nehmen die Sprüchekarten ein. Nichts gegen dieses Kartengenre, ich mag coole Sprüche sehr. Aber wenn ich den Daheimgebliebenen eine Karte aus dem Urlaub schicke, dann soll man darauf schon die Gegend sehen, die ich gerade bereise.


Selbermachen?
Es gibt so viele gute und begabte Fotografen, die eigentlich tolle Kartenmotive aus ihrer Region hätten. Verdienen kann man mit Ansichtskarten nichts oder nicht viel. Aber zur Eigenwerbung oder als kleiner Ansporn für die eigene Fotografie ist eine Postkartenveröffentlichung nicht verkehrt. Wer in einer touristisch überlaufenen Gegend wohnt wie ich, wird es schwer haben. Die großen Verlage kaufen nur bei Agenturen ein. In weniger bekannten und abgelegenen Regionen ist das anders. Dort könnte man den regionalen Postkartenverlag kontaktieren und Motive anbieten. Eine andere Möglichkeit besteht darin, direkt die Läden vor Ort aufzusuchen und zu fragen, ob sie bereit wären, weitere Postkarten ins Sortiment aufzunehmen. Falls ja, müssen die Konditionen genau geklärt werden. Ich kenne jemanden, der die eigenen Fotomotive in der Gegend rund um Bremen und Worpswede auf diese Weise unter die Leute bringt. Lassen Sie sich aber keinesfalls dazu verleiten, erst einmal hunderte von Postkarten auf Ihre Kosten drucken zu lassen. Die Gefahr ist groß, dass Sie darauf sitzen bleiben.

Welche Regionen fotografisch über- oder unterrepräsentiert sind, kann man leicht im Netz recherchieren. Wenn es zu einem Suchbegriff bei Google Bildern, auf Flickr oder in der Fotocommunity wenig interessantes Material gibt, sollte man der Sache nachgehen. Auch ein Blick ins Programm des Kalenderverlags Calvendo lohnt sich bei der Recherche. Was gibt es zuhauf, wo ist das Angebot mager? Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, sagt meine alte Mutter immer. Wenn man sich eine Absage holt: nicht verzagen. Man braucht eben auch eine Portion Hartnäckigkeit, Einfallsreichtum und Engagement, wenn man etwas erreichen will.

Digital wird wieder analog
Dass die gedruckte Postkarte im digitalen Zeitalter immer noch ihre Berechtigung hat, konnte ich bei meiner Recherche ebenfalls feststellen. Es gibt etliche Webseiten und Handy-Apps, mit denen man selbstfotografierte Bilder mit Text versehen, das Motiv als frankierte Postkarte ausdrucken und verschicken lassen kann. Es kostet nicht mehr als eine klassische Karte, allerdings gibt man beim Ausfüllen der Adressfelder und beim Verfassen der Texte auch viele persönliche Daten preis. Prüfen Sie auch, ob sich der Dienstleister irgendwelche Nutzungsrechte am verschickten Bildmotiv einräumt.
Wenn ich mal wieder etwas Zeit übrig habe, recherchiere ich weiter zu diesem Thema und reiche Links zu Anbietern nach. Mit solchen Apps könnten Sie bei Familie, Freunden und Kollegen zumindest testen, wie gut Ihre selbstfotografierten Kartenmotive ankommen. Das meine ich nicht nur im Sinne der postalischen Zustellung. Die meisten Leute werden genauso staunen wie ich und sich freuen, dass mal wieder eine klassische Ansichtskarte ihren Weg in den Briefkasten findet. Wenn die Empfänger dann auch noch erfahren, dass es sich um ein selbstfotografiertes Motiv handelt, ist die Überraschung vermutlich umso größer. 

Entschleunigung ernst nehmen
Eine Mail oder Whatsapp Nachricht rutscht nach hinten, mitgeschickte Bildmotive verschwinden sehr schnell im Nirwana des Vergessens. Die gedruckte Postkarte steht garantiert etwas länger auf dem Schreibtisch oder wird mit einem Magneten an den Kühlschrank geheftet. In den 1990er Jahren bedeckte eine Collage aus Ansichtskarten die Innenseite meiner Wohnungstür - Grüße von Freunden aus der ganzen Welt. In Zeiten von Smartphone, Facebook und Instagram sind die Pinwände virtuell geworden. Wir haben die Motive überall mit dabei, aber wir müssen auch jedesmal eines dieser Geräte anmachen, um die Bilder sehen zu können. Dabei werden wir abgelenkt, verbringen mehr Zeit mit den Geräten als wir eigentlich vorhaben und wundern uns, wo unsere ganze Zeit bleibt.

Wem würden Sie eine Ansichtskarte schicken?

Bei der Print my Postcard App fürs Smartphone kostet eine frankierte Karte mit angeblich echter Briefmarke 1,69 EUR, die Lieferzeit beträgt 1-3 Tage. Die AGB überzeugen mich noch nicht so richtig, da werde ich mal nachfragen und berichten, was dabei herauskommt.

Eigene Motive können Sie auch bei jedem Fotodienstleister als Karten drucken lassen. Die niedrigen Auflagen sind verhältnismäßig teuer und für den Urlaub ist es keine Option. Aber wie wir alle wissen kommt das nächste Weihnachtsfest ganz bestimmt. Spätestens dann stehen wir wieder vor der Frage: digital oder analog?

Freitag, 28. September 2018

Noch ein Jubiläum

Heute ist der offizielle Erscheinungstermin des Handbuchs zur Lumix TZ202. Auf den Tag genau vor zehn Jahren kam das erste fotocommunity-Buch auf den Markt.
Es vermittelt Einblicke in verschiedene Themengebiete der Fotografie aus der Sicht unterschiedlicher Fotografen/Autoren. Ich hatte damals das Kapitel zum Thema Available Light beigesteuert und mich wie eine Schneekönigin über meine erste Buchveröffentlichung gefreut. Mehr noch: Der Galileo Verlag (heute Rheinwerk) zahlte seinen Autoren ein Honorar! Der erste Verlag, der sich anfangs bei der fotocommunity als Partner für dieses Projekt gemeldet hatte, wollte alle Bilder und Texte für lau. Darum hatte die fotocommunity auf die Zusammenarbeit verzichtet und das Projekt in die Schublade gelegt. Von der Einreichung meiner ersten Texte bei der fotocommunity bis zum fertigen Buch bei Galileo vergingen etwa anderthalb Jahre. Wer Bücher machen will, braucht einen langen Atem.


Für jeden Autor ist es ein großer Moment, zum ersten Mal das gedruckte Werk in Händen zu halten, an das man monatelang hingearbeitet hat. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, fünfzehn gedruckte Bücher sind in dieser Zeit von mir erschienen. Auch wenn drei davon "nur" überarbeitete Neuauflagen sind, ist es eine schöne runde Zahl. Ich glaube ab dem fünften Buch habe ich angefangen zu zählen und mich gefragt, wie viele es wohl insgesamt werden.

Dass sich aus der ersten Veröffentlichung für mich eine so lange und erfolgreiche Karriere als Fachbuchautorin entwickeln sollte, war im September 2008 überhaupt noch nicht abzusehen. Zunächst wurde ich gefragt, ob ich ein eigenes Buch zum Bildbearbeitungsprogramm GIMP schreiben wolle. Zu dieser Zeit hatte ich bei akademie.de schon einige Artikel über Bildbearbeitung veröffentlicht, darum lag das Thema nahe. Aber ausgerechnet der GIMP? Oh no! Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Moment. Ein Buch hätte ich schon schreiben wollen, aber definitiv keines über Bildbearbeitung und schon gar nicht GIMP. Ich atmete tief durch und sagte Nein.

Donnerstag, 27. September 2018

Fotografenweisheit


Freuen Sie sich auf ein vollständig überarbeitetes 
Bildbearbeitungskapitel in einem meiner älteren Bücher.
(Erscheinungstermin 2019)

Donnerstag, 20. September 2018

TV-Tipps bis Mitte Oktober

Die neuen TV-Tipps von www.kunstlinks.de sind soeben eingetroffen.
Der Film, auf den ich seit langem warte, war in den letzten Filmtipps schon in der Vorschau: Beuys hat mit Fotografie nicht so viel zu tun, und mit Werken wie "Zeige deine Wunde" hatte ich schon immer gewisse Probleme. Nachdem ich verschiedene Berichte in Kultursendungen mit Ausschnitten aus diesem Dokumentarfilm gesehen hatte, wurde ich  neugierig. Sendetermin: 3.10.18 um 21:45 h auf arte.


Für Fotografen gibt's eine Dokumentation über Sigi Braun, einen Unterwasserfilmer. Der Beitrag läuft auf Servus TV, das heißt er ist nicht in einer Mediathek abrufbar. Wer sich für Lost Places Fotografie in Bayern interessiert, kann sich dazu eine Doku aus dem Jahr 2016 anschauen.

Bei mir stehen zwei andere Sendungen auf der Favoritenliste:
#Selfie - Ich - und die Welt, Eine Dokumentation "im Spannungsfeld zwischen den Anfängen des Selbstporträts und der heutigen Selfie-Manie". Dazu passt: Nicht ohne mein Smartphone - Ein Leben für Likes.

In der Rubrik "Themenübergreifend" empfehle ich zwei Sendungen, die vielleicht nicht so interessant klingen, aber als Ausgangspunkt für eigene Fotoprojekte dienen können:
  • Von der Dunkelheit ins Licht - Die Geschichte der urbanen Beleuchtung (arte, 25.9.) bietet viele Möglichkeiten einer fotografischen Umsetzung.
  • Interview mit einem Bild (rbb, 1.10.) dreht sich um das Motiv "Mensch und Meer in der Malerei". Wie kann man diesen Ansatz der Bildanalyse auf die Fotografie übertragen? Was würde ein Foto erzählen, wenn man es interviewt? Lassen Sie sich inspirieren.
Hier geht's zur Liste mit allen aktuellen Sendeterminen. Vielen Dank an Hermann Ludwig!

Montag, 17. September 2018

Dias und Fotos digitalisieren: Mein Workflow


Vor etwa einem Monat hatte ich berichtet, dass ich meine analogen Schätze dringend retten, sprich einscannen muss. Um die Aufnahmen wieder vorzeigbar zu machen, müssen sie nach dem Scannen bearbeitet werden. Das dauert oft genauso lange wie der reine Scanvorgang,  manchmal sogar länger. Zwar kann man eine gute Scan-Software so einstellen, dass die Bilder automatisch optimiert werden, aber das funktioniert nicht immer. Manche Bilder werden zu hell oder zu dunkel digitalisiert, bei anderen ändert die Automatikeinstellung das Bildformat und schneidet unterbelichtete Bereiche einfach ab. Beim automatischen Entfernen von Staub und Kratzern kann es ebenfalls zu Fehlern kommen. 

Neben dem Scanner sitzenbleiben, um sofort einzugreifen wäre eine Möglichkeit, aber ich verbringe meine Freizeit lieber anders.


Deshalb lasse ich die Magazine weitgehend unbeaufsichtigt durchlaufen und überprüfe anschließend, welche Bilder einen zweiten Scan brauchen. Diese Motive picke ich anschließend heraus und lege sie für später zurück. Die fehlerhaften Scans bleiben trotzdem vorläufig im Archiv, damit ich sie später ersetzen kann: Der neue Scan bekommt den gleichen Dateinamen und überschreibt die fehlerhafte Datei. Das sollte man natürlich nur machen, wenn man wach und aufmerksam ist, sonst heißt es: zurück an den Scanner...

Die Formatfrage
Als Dateiformat verwende ich im Gegensatz zu ScanCorner nicht das JPEG sondern das TIFF Format. Es hat den Vorteil, dass man Bilder auch mehrmals öffnen und bearbeiten kann, ohne dass sich die Bildqualität dabei dramatisch verschlechtert. TIFF-Dateien sind erheblich größer. Ich habe mich dabei für einen Kompromiss entschieden, damit die Datenmenge nicht zu groß wird. Gut 20MB pro Scan entspricht etwa der Datenmenge einer RAW-Aufnahme aus meinen aktuellen Kameras. Damit kommen Computer und Software gut klar und diese Qualität ist für 90% der vorhandenen Motive völlig ausreichend. Bei Fünf-Sterne-Motiven kann man die Auflösung weiter erhöhen und sie bei Bedarf ein zweites Mal scannen. 
Wenn ich JPEG-Dateien fürs Internet oder für andere Zwecke benötige, exportiere ich sie aus Lightroom, aber dazu später mehr.

Suchen, finden, archivieren
Die Dateien erhalten beim oder nach dem Scannen eindeutige Dateinamen und werden chronologisch in Ordner sortiert. Der Vorteil mit Dateinamen zu arbeiten besteht darin, dass die digitalen Dateien auf der Festplatte genau in der Reihenfolge sortiert werden, in der sie früher einmal als Diaschau gezeigt wurden. In der Lightroom-Bibliothek kann man die Sortierung beeinflussen, indem man die Sortier-Kriterien (zu finden am unteren Bildschirmrand) entsprechend einstellt. Auch hier ist das Arbeiten mit Dateinamen günstig.
Von den gescannten Bildern lege ich sofort ein Backup an, das beim späteren Bearbeiten einzelner Motive laufend aktuell gehalten wird.


Bildbearbeitung: Lightroom, Photoshop, ...?
Die Ordner mit den Analogmotiven importiere ich zunächst in Lightroom in einen eigens dafür angelegten Katalog. In der Lightroom Biblitothek habe ich einen besseren Überblick über die Motive und kann mir anschauen, welche sich überhaupt für eine intensivere Bearbeitung eignen. Ich beginne aber noch nicht mit der Entwicklung. Insbesondere das Enfernen von Staub und Kratzern finde ich in Photoshop mit dem Bereichsreparaturpinsel komfortabler als in LR, aber das ist Übungssache. Die fusseligen Originale braucht kein Mensch, darum überschreibe ich den Originalscan mit dem entfusselten aber ansonsten unbearbeiteten Bild aus Photoshop.

Bei diesem Motiv musste nur der Staub entfernt
und das exakte 2:3 Format eingestellt werden.

Diese Korrekturen erscheinen nicht automatisch in Lightroom. Man muss zunächst das Foto in der Bibliothek mit den Einstellungen von der Festplatte aktualisieren. Dabei würden alle Änderungen am zuvor importieren Foto - nebst Verschlagwortung - verlorengehen. Deshalb beginnt die Bearbeitung für mich in Lightroom erst, wenn das Entfusseln in Photoshop beendet ist.

Einstellungen vom Datenträger importieren:
Ja, nach dem Entfusseln in Photoshop!
 
Die Lightroom-Entwicklung läuft genauso ab wie bei anderen digitalen Dateien. Am Ende exportiere ich das bearbeitete Bild noch einmal als neue TIFF-Datei. Diese optimierten Endversionen lege ich unter neuem Namen zu den Originalen, aber in einen separaten Ordner.
Man kann alle Bearbeitungen nur in Photoshop oder nur in Lighroom machen oder auch in einem anderen Bearbeitungsprogramm. Meine Empfehlung: Behalten Sie einen fusselfreien Originalscan und legen Sie eine Kopie der Datei an, bei der Sie Farben, Schärfe und andere Dinge optimieren. Wenn Sie später doch noch einmal eine andere Ausarbeitung Ihres Motivs machen wollen, können Sie auf ein weitgehend unbearbeitetes Original zurückgreifen und haben mehr Möglichkeiten.

Originale: Aufbewahren oder entsorgen?
Die große Gretchenfrage, die sich ganz am Ende unweigerlich stellt lautet: Originaldias bzw. Abzüge aufheben oder nicht? 
Ich habe einen Teil meiner Dias vor etwa fünfzehn Jahren schon einmal gescannt, damals mit niedrigerer Auflösung. Werde ich in weiteren fünfzehn Jahren mit Bedauern feststellen, dass ich das alles nochmal machen muss? 
  1. Die Originale altern, sie verblassen, verkratzen, verstauben und werden nicht besser.
  2. Die Qualität moderner Digitalbilder und -kameras setzt den Maßstab beim Betrachten alter Fotos. Gescannte Bilder lassen sich optimieren, sind aber selten so scharf und so gut wie ganz neue Bilder. 
  3. Der Fotograf lernt dazu: Viele alte Fotos entsprechen nicht mehr meinen heutigen Qualitätskriterien und ich kann mich schmerzlos von solchen Originalen trennen.

Deswegen reicht mir beim Digitalisieren der Kompromiss. Die besten Bilder picke ich  noch einmal heraus, um sie aufzubewahren. Die Dias werden mit Sicherheit nicht mehr projiziert.  Darum müssen sie auch nicht mehr in den sperrigen und hässlichen Plastikmagazinen ihr Dasein fristen.
Schachteln für jeden Geschmack gibt's im 1-EUR-Shop. Wenn solche Boxen irgendwann  nicht mehr zum Einrichtungsdesign passen, oder wenn wieder ein Umzug ansteht, kann man ja nochmal überlegen, ob sie bleiben dürfen oder gehen müssen.



Eine kleine Anekdote zum Schluss...
Der Diascanner macht komische Geräusche, er brummt, klappert und pfeift stundenlang im Arbeitszimmer vor sich hin. Wenn es still wird weiß ich, dass ich wieder ein Magazin nachlegen muss. Am Sonntagabend räume ich alles beiseite, damit mein Mann während der Woche in diesem Raum in Ruhe arbeiten kann. Gestern fragte er mich, wie lange das denn nun eigentlich noch so weitergehen solle. Ich legte ihm die grobe Berechnung vor und meinte: "Wenn ich konsequent dranbleibe sind wir bis zum Jahresende mit den Dias durch." Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich mindestens genauso viele Fotoabzüge einzuscannen habe. Er hält mich auch so schon für verrückt.


Donnerstag, 13. September 2018

Warum so teuer?

...Guten Abend...meinen Sie das Preis von 115€ für ein Handbuch nicht zu Hoch ist..nach meine Meinung Sie sollen sofort reagieren und ,leider ich muß sagen, diese Preis-Frechheit bei Amazon und eBay klären. Wer bezahlt das ? Ist das wirklich Wertvoll? Ich muß das wiesen , habe nie über 50 € für Fotohandbuch bezahlt..Bin gespant was Sie mir antworten...115€ sagen Sie ehrlich ! LG aus Neuwied
Kommentar zu Lumix FZ1000 / FZ2000 - Neuigkeiten zu den Handbüchern




Nachrichten wie diese bekomme ich sehr oft und die Antwort darauf lautet:

Vergriffene Bücher sind manchmal noch bei eBay und Amazon erhältlich. Dort werden stellenweise schwindelerregende Summen verlangt, was die Gemüter natürlich erhitzt. 
Weder ich noch der Verlag haben Einfluss auf die Preise des Second-Hand-Markts und wir haben auch keinen Nutzen davon. Der Verkaufserlös geht - nach Abzug der Gebühren der jeweiligen Verkaufsplattform - direkt an den Privatverkäufer. Er ist derjenige, der seinen Second-Hand-Preis individuell festlegt.

Grundsätzlich gilt in Deutschland zwar die sogenannte „Buchpreisbindung“, doch sie endet, sobald ein Verlag den Titel aus dem Programm nimmt. Das ist bei einigen meiner Bücher der Fall.

Wenn zu diesem Zeitpunkt noch eine sehr hohe Nachfrage nach einem Buch besteht, dieses vom Verlag aber nicht mehr nachgeliefert wird, gelten die Gesetze des Marktes: Die Nachfrage bestimmt den Preis. Der Verkäufer kann festlegen, was er für sein Buch haben möchte. Ob ein Käufer bereit ist, den geforderten Preis für eine „Rarität“ zu bezahlen, liegt im Ermessen des Einzelnen. 

Speziell bei Kamerahandbüchern tritt dieser Fall häufig auf. Diese Bücher erscheinen grundsätzlich in einer niedrigeren Auflage als klassische Fotolehrbücher. Bei bleibend hoher Nachfrage gibt es einen Nachdruck, zum Beispiel beim Handbuch zur FZ300. Sobald die Verkaufszahlen unter einen bestimmten Schwellenwert fallen wird nicht mehr nachgedruckt. Die noch vorhandenen Restexemplare werden abverkauft, danach verschwindet der Titel aus dem Verlagsprogramm und fällt nicht mehr unter die Buchpreisbindung. Einzelne Rest- oder Gebrauchtexemplare sind dann nur noch im sogenannten Antiquariat erhältlich mit den oben beschriebenen Konsequenzen. 

Die Rechte an meinen Texten und Bildern fürs Kamerahandbuch zur FZ1000 hatte ich zurückbekommen und eine Neuauflage im Selbstverlag - vornehmlich als E-Book geplant. Nach Sichtung der Dateien und Überarbeitung des ersten Kapitels wurde aber schnell klar, dass mich dieses Projekt mehrere Wochen beschäftigen würde. Obwohl ich mich sehr freue, dass immer noch so viele Leserinnen und Leser an diesem Buch interessiert sind, ist der Aufwand im Verhältnis zum Ertrag aus einem solchen E-Book schlichtweg zu groß. Für diese schweren Herzens getroffene Entscheidung bitte ich um Verständnis.

Dienstag, 11. September 2018

Lumix TZ202 - Tolle Reisekamera

Im Juni hatte ich angekündigt, dass ich an einem neuen Kamerahandbuch arbeite. Andere Autoren sind meistens schneller, aber das schätze ich eben am Rheinwerk-Verlag: Ich bekomme genug Zeit, um mich mit der jeweiligen Kamera intensiv zu beschäftigen. Die TZ202 war in den zurückliegenden drei Monaten meine ständige Begleiterin und es gab nur wenige Situationen, in denen ich sie gegen eine andere Kamera hätte eintauschen wollen. Nächste Woche muss ich sie wieder abgeben und ich werde sie vermissen.

105 mm | f5,3 | 1/25 s | ISO 3200

SCN Kühle Nachtaufnahme
RAW, bearbeitet
Available Light Fotografie bei schummrigen Lichtverhältnissen ist mit der TZ202 möglich, wenn man bereit ist Abstriche bei der Bildqualität in Kauf zu nehmen. Das gleiche gilt für Actionfotos an trüben Tagen. Das 24-360 mm Objektiv ist leider nicht so lichtstark wie das an der FZ1000. Deshalb muss die ISO-Automatik (oder der Fotograf) die Empfindlichkeit oft ziemlich hochschrauben. Trotz 1" Sensor wird das Bildrauschen ab ISO 1000 sichtbar, ab ISO 1600 muss man stark sein oder die RAW-Dateien gut feintunen.

Situationen mit schwachem Licht sind bei vielen Kameras kritisch. Ich bin zudem eine Fotografin, die gerne bis zum Anschlag zoomt und nur selten zum Stativ greift. In allen anderen Lebenslagen war ich mit dieser kleinen Kamera wirklich glücklich. Als Reisekamera oder als "Immerdabei" spielt die TZ202 ihre Stärken voll aus.  Ein Schwenkdisplay und ein eingebauter ND-Filter wären Ausstattungsmerkmale, die ich mir in manchen Momenten noch gewünscht hätte. 

Unterwegs habe ich den Akku manchmal mit einer Powerbank nachgeladen - Kabel ran, eine Tasse Kaffee trinken und schon geht's weiter. Ohne Ersatzakku sollten Vielfotografierer wie ich trotzdem nicht losziehen.

Gibt's was Neues?
Aufgefallen sind mir die verbesserten Blitzfunktionen. Die TZ202 hat keinen Blitzschuh für ein externes Blitzgerät, die Gestaltungsmöglichkeiten sind hier eher begrenzt. Dafür erkennt die Blitzautomatik unterschiedliche Aufnahmesituationen genauer und sie steuert den Miniblitz sehr gut aus. Dass man seltener eingreifen muss und die Blitzbilder trotzdem sehr natürlich aussehen, war für mich eine positive Überraschung. Ansonsten hat die Kamera alles, was man von Panasonic kennt und schätzt: Schnelle Serienbilder, Post Fokus und Focus Stacking in der Kamera, diverse Belichtungsreihenautomatiken, Mehrfachbelichtung, Zeitraffer und Stop-Motion-Videos. Die Steuerung über den Touchscreen und die Tasten funktioniert hervorragend. Wer durch den elektronischen Sucher schaut, kann sich den Touchscreen so einstellen, dass die Kamera nicht versehentlich mit der Nase gesteuert wird.

Wie immer gibt es tausenderlei Einstellungen und Konfigurationsmöglichkeiten. Neu - im Vergleich zu den Kameras, die ich bisher beschrieben hatte - ist Mein Menü, ein zusätzlicher Reiter, unter dem man sich bis zu 23 eigene Menüpunkte zusammenstellen und diese vorrangig anzeigen lassen kann. Das lohnt sich, weil man dann weniger in den komplexen Menüs herumzappen muss.
Panasonic hat generell in der Menüstruktur aufgeräumt. Im Individualmenü wurde eine Unterebene eingezogen und die verschiedenen Funktionen sind jetzt in logische Kategorien gegliedert. Umsteiger und erfahrene Fotografen dürften sich genau wie ich in dieser neuen Struktur besser zurechtfinden. Neueinsteiger ins Lumix-System und Foto-Anfänger brauchen anfangs ein bisschen Geduld und Übung. 

Ich habe mit der TZ202 wieder viele schöne Motive fotografieren können, ein paar davon möchte ich Ihnen hier zeigen.

Makro- und Nahaufnahmen
machen einfach Spaß, weil man ohne Extrazubehör ganz nah rankommt. Der Makro-Zoom ist dabei eine  ganz spannende Funktion, weil das Objektiv nicht ausgefahren wird. Er funktioniert nur mit dem JPEG-Format. Dieses Bild ist nicht im Studio sondern abends kurz nach Sonnenuntergang entstanden, deshalb ist der ISO-Wert ungewöhnlich hoch. Der Himmel war noch hell, es handelt sich um eine Gegenlichtsituation. Durch die Pluskorrektur wurde der zartblaue Himmel ganz weiß, die leicht überbelichtete Blüte erscheint zartrosa und transparent. Bei so einem Motiv ist es kein Problem, das Bildrauschen später in Lightroom zu korrigieren, auch wenn die Schärfe dabei etwas nachlässt.  
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90 mm | f5 | 1/30 s | ISO 1600 | +2



















Sattes Tele
Bei guten Lichtverhältnissen sind die Bilder auch mit dem iZoom (Digitalzoom) erfreulich gut, scharf und klar. Im Zoo wird es in den Tierhäusern eng mit der Belichtung, das gleiche gilt für eine Safari in der Dämmerung. Für die professionelle Tierfotografie ist die TZ202 nicht ausgelegt, aber wenn es hell ist kann man den gesamten Zoombereich ohne Reue ausschöpfen.

360 mm | f8 | 1/2500 s | ISO 125 | Spotmessung



















Blendenwirkung
Durch den 1" Sensor sieht man die Wirkung der offenen Blende (f3,3) im Bild, manchmal ist sie sogar sehr deutlich. Genaues Scharfstellen ist ein Muß, aber ganz einfach: Touchscreen antippen. Wenn man weiß wie es geht, bekommt man sogar einen effektvollen Sonnenstern ins Bild - auch ohne die Effektfilter aus dem sogenannten Kreativmodus. Man braucht nur den Modus A zur Vorwahl der Blendeneinstellung und darf nicht zoomen. In diesem Fall hat auch die leichte Streuung des Sonnenlichts durch den Spalt in der Skulptur zum Gelingen beigetragen.

24 mm | f8 | 1/1000 s | ISO 125 | unbearbeitet (!)



















Übung macht den Meister
Bei den Tier- und Actionfotos hatte ich zuvor  bemängelt, dass ein hoher ISO-Wert die Schärfe beeinträchtigt. Das heißt aber nicht, dass man mit der TZ202 gar keine tollen Tierfotos machen kann. Die größte Schwierigkeit besteht darin, schnell bewegte Motive im Blick und den Autofokusrahmen an der richtigen Stelle zu halten. Der AF-Rahmen Verfolgung, mit dem ich bisher nicht so viel anfangen konnte, war mir an der TZ202 eine große Hilfe.

360 mm | f6,4 | 1/3200s | ISO 3200 - Rauschen reduziert


















Der Abschied von der TZ202 wird mir erleichtert, weil in den nächsten Tagen schon die nächste Kamera bei mir eintrifft, über die ich schreiben werde. Dass es diesmal keine Lumix ist, habe ich selbst so gewollt. Nach vier Jahren Panasonic möchte ich mal wieder ein anderes System in Händen halten, damit ich im Kopf offen bleibe und besser vergleichen kann.




Das Handbuch zur TZ202 ist ab dem 28.9.2018 erhältlich, direkt beim Verlag auch als E-Book oder im sogenannten Bundle, also Buch + E-Book in Kombination zum vergünstigten Preis.

Sobald die Leseprobe verfügbar ist, ergänze ich den Link.

Was kommt als nächstes (Infos zur Lumix TZ202) hier im Blog.

Montag, 10. September 2018

Bildstabilisator sei Dank


Es gibt Momente, da rutscht mir das Herz in die Hose. Auf die Turmbesichtigung hatte ich mich sehr gefreut. Natürlich hatte ich auch den Warnhinweis gelesen und wusste, was auf mich zukommt: Schwindelfreiheit erforderlich


Es gibt Türme, die ich sehr gut erklimmen kann und es gibt die anderen. Das Treppenhaus ist meistens kein Problem. Ab da wo die Glocken hängen wird es schwieriger. Als ich dann aber die Türschwelle zum Rundum-Ausguck erblickte und dazu den vergleichsweise schmalen Balkon mit dem lapidaren Zäunchen vor dem gähnenden Abgrund war ich wie versteinert. Es gelang mir nicht mehr, der Dame hinter mir die Tür aufzuhalten. Mann, die war sauer... Mit dem Rücken an die orange Mauer gepresst starrte ich nur noch auf meinen Kameramonitor, nur um nicht nach unten schauen zu müssen. Schlotternde Knie, zitternde Hände und Schnappatmung... wie gut, dass der Bildstabilisator das alles aufgefangen hat. Gut auch, dass ich mit einem Psychologen verheiratet bin, der mir vor Ort einen Sofort-Crashkurs in Bauchatmung verpasst und mich nach zwei Minuten so weit beruhigt hatte, dass ich doch noch eine volle Runde um den Turm geschafft habe, immer hübsch mit dem Rücken an der Wand. 

Für dieses Motiv brauchte ich das 360 mm Zoom der TZ202, es war nur noch Blende 6,4 verfügbar. Dabei verlängert sich die Belichtungszeit und der ISO-Wert steigt. Bei trübem Wetter wäre das in meinem Zustand das Aus für eine halbwegs scharfe Aufnahme gewesen.



Nächstes Jahr steige ich wieder auf den orangen Turm und werde bis dahin jede Gelegenheit nutzen, mich per Bauchatmung an solche Ausblicke zu gewöhnen. Übung macht den Meister und die Fotos, die man von so weit oben machen kann, sind eine gute Motivation. Das mit der Tür kriege ich nächstes Jahr auch besser geregelt. Jetzt weiß ich ja, dass ich nicht sterbe, wenn ich da oben im Freien stehe...



Donnerstag, 6. September 2018

Warum fotografieren? (2/20)



„Die Kamera ist ein Instrument, 
das Menschen beibringt wie man ohne Kamera sieht.” 

Dorothea Lange