Freitag, 31. Mai 2019

Perspektivwechsel

Im vorigen Blogartikel hatte ich angekündigt, dass ich mich auf die Suche nach "Motiven mit geraden Horizonten" machen und ein paar Sonnenstrahlen einfangen wollte. Beides hat geklappt, wie Sie sehen. Der Urlaub ist vorbei und der Alltag hat mich wieder. Es ist der Erholung sehr zuträglich, wenn man schöne Motive von der Dachterrasse aus fotografieren und sich dann wieder an den Pool legen kann. Insgesamt waren drei Kameras im Einsatz: natürlich die Lumix FZ1000II, die Nikon Coolpix P1000 und das Smartphone. Wenn bei der Lumix noch Nachmittag war, war die Nikon manchmal schon im Sonnenuntergangsmodus. Nicht nur Menschen reagieren unterschiedlich auf Farbstimmungen.

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Schönes Bild, nicht wahr? Aber stopp, es ist Betrug. Zunächst einmal handelt es sich um eine Panorama-Aufnahme aus drei Einzelfotos, aufgenommen mit 215 mm Brennweite. Mit der Freihand-Panoramafunktion ist man auf den Weitwinkelmodus beschränkt, je nach Kamera 24-28 mm. Bei diesem Motiv hätte man auf dem Foto so viel vom Vordergrund gesehen, dass man die entfernte Inselgruppe kaum noch wahrgenommen hätte.

Deshalb müssen Tele-Panoramen von Hand gemacht und die Einzelaufnahmen in einem Bearbeitungsprogramm zusammengesetzt werden. Der Profi arbeitet dann mit Stativ und speziellem Zubehör, aber ich bin faul und unser Koffer hatte sowieso schon den Aufkleber "heavy". Dank Lightroom & Co. ist es kein Problem, selbst Freihandaufnahmen mit wenigen Mausklicks zu einem Panorama zusammenzufügen. Wichtig ist dabei, dass die Aufnahmen in ihrer Helligkeit nicht zu stark von einander abweichen, dass man den Horizont auf gleicher Höhe hält, und dass man die Einzelbilder ausreichend überlappen lässt. Dann kann die Software die Übergänge korrekt berechnen.

Das ist noch kein Betrug. Das Wetter auf Ibiza war super, aber nur an fünf von sieben Tagen. Zwei Tage Dauerregen waren auch dabei. Das Panorama ist am Abend vor dem ersten Regentag entstanden, als sich das schlechte Wetter ankündigte. In Wirklichkeit sah die Szene so aus:

Es gab viel Grau und einen Hauch Apricot.

Mit zwei Verlaufsfiltern, in denen der Weißabgleich nach Blau gedreht wird, werden Meer und Himmel attraktiver. Die Regler Sättigung und Dynamik intensivieren den hellen Lichtstreifen am Horizont und sorgen für einen schönen Kalt-Warm-Kontrast. Das hat mit der sichtbaren Realität vor Ort nicht mehr viel zu tun, aber es sieht einfach besser aus. So funktioniert digitale Fotografie seit vielen Jahren.

Ein paar Tage später entstand dieses Bild:


Nun, was meinen Sie? Fake oder echt?

Bevor ich die Frage beantworte, zeige ich Ihnen erst noch ein paar andere Motive.
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1200 mm Brennweite | Freihandaufnahme | Kamera-JPEG unbearbeitet.
Experten werden sofort anhand der Brennweite erkennen, dass dieses Foto mit der P1000 aufgenommen ist. Das Containerschiff am Horizont sah schon im Sucher aus, wie eine Fata Morgana. Das Flimmern der Luft macht sich über eine so weite Distanz deutlich bemerkbar, ist also kein Objektivfehler. Mit bloßem Auge betrachtet, war das Schiff in der Ferne nur als heller diffuser Fleck zu erkennen. Für mich ist es immer eine Genugtuung, wenn es mir gelingt, die schwere Kamera gerade zu halten, damit der Horizont waagrecht bleibt und alle Bildelemente am richtigen Fleck landen.

180 mm Brennweite | leichte Perspektivkorrektur | Farben & Schärfe optimiert

Die Mauer der Festung von Eivissa ist ziemlich alt und verläuft nicht wie mit dem Lineal gezogen, sondern leicht schräg relativ zur weißen Hausmauer dahinter. Sie kennen das Problem vermutlich: Entweder ist die Mauer unten gerade oder die Wände oben - beides geht nicht ohne Linienkorrektur. Trotz einer Belichtungskorrektur nach Plus bei der Aufnahme fehlte dem Motiv etwas "Frische", die durch eine Weiß-Beschneidung der JPEG-Datei nachträglich hinzugefügt wurde. Etwas mehr Struktur und Klarheit für die Mauer kamen dann noch obendrauf.

400 mm Brennweite | Kamera-JPEG, unbearbeitet
Hier war die  FZ1000II im Einsatz, maximaler Zoom, Programmautomatik - beim Stadtbummel musste es schnell gehen. Was mich wirklich begeistert: Man sieht im elektronischen Sucher sehr genau, wo das Motiv endet. So kann man beim Fotografieren exakt gestalten und muss hinterher nichts zuschneiden. Die Stühle links sind bewusst angeschnitten, weil Sie dort sonst einen Ampelmast vorgefunden hätten.

Bei den folgenden beiden Bildern geht es auch um das Gestalten mit Linien, aber das Bildpaar hat für mich noch zwei andere Aspekte:

1. "Schlechtes Wetter" ist nicht immer schlecht.
2. Welche Wirklichkeit wollen Sie zeigen?

Man braucht kein Bildbearbeitungsprogramm, um die Realität zu "verfälschen". Allein die Wahl des Bildausschnitts und der Perspektive ergeben zwei ganz unterschiedliche Ansichten und natürlich gäbe es noch diverse andere. Welche dieser beiden gefällt Ihnen besser? Welche entspricht eher Ihrer "Philosophie des Fotografierens"? Haben Sie schon eine?
Ich mache gerne mehrere Aufnahmen, damit ich mir für verschiedene Zwecke das jeweils passende Motiv aussuchen kann.

400 mm Brennweite | Kamera-JPEG | Auto-Tonwertkorrektur

87 mm Brennweite | Kamera-JPEG | Auto-Tonwertkorrektur

Jetzt will ich Sie nicht länger langweilen oder auf die Folter spannen, kommen wir zurück zum Sonnenuntergangsmotiv:

400 mm | f4 | 1/125 s | ISO 800

Die Szene sah in der Realität genauso intensiv aus wie auf diesem Bild. Es handelt sich um ein unbearbeitetes Kamera JPEG, aufgenommen mit dem Modus P, Freihandaufnahme, Bildstil Vivid (lebhaft) aus der Lumix FZ1000 II.
Ich habe dieses Motiv anschließend noch mit der Intelligenten Automatik und mit den SCN-Programmen für den romantischen und den dramatischen Sonnenuntergang aufgenommen, damit man im Handbuch den Vergleich sehen kann. Die hier gezeigte Version kam der Wirklichkeit am nächsten, auch wenn das Bild aussieht, als wäre es in Photoshop/Lightroom massiv nachbearbeitet. 
Wenn die Rahmenbedingungen stimmen (Wetter, Licht, Motiv) und wenn man die Kamera gerade hält, dann reicht es manchmal, einfach nur auf den Auslöser zu drücken.

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