Freitag, 25. März 2016

Twitter und ich

Anlässlich des zehnten Geburtstags ist Twitter gerade wieder ein größeres Thema. Über Johannes Mairhofer, der sich an der Blogparade von Brandwatch beteiligt hat, habe auch ich mein Verhältnis zu diesem Dienst angeschaut. Nach wie vor komme ich zu der Erkenntnis, dass dieses Verhältnis eher gespalten ist.

"Wir würden gerne wissen, wieso du ohne Twitter nicht mehr leben kannst. Was macht Twitter so einzigartig für dich? Wie bist du auf Twitter gestoßen? Was sind deine Lieblingsfeatures und für was nutzt du Twitter? Wie hat sich dein Leben, beruflich und/oder privat seitdem verändert? Konntest du vielleicht ganz besondere Kontakte knüpfen oder hast eine witzige Geschichte auf Lager?"

Die erste Frage suggeriert, dass man nicht ohne Twitter leben kann. Das ist bei mir nicht der Fall, und damit gehöre ich zu den 2,1 Millionen angemeldeten deutschen Usern, die ihren Account kaum nutzen. Deshalb erübrigt sich Frage zwei nach der Einzigartigkeit.

Von Twitter hatte ich sehr früh über die Mainstream-Medien gehört, ich glaube es war Arnold Schwarzenegger, der sehr früh für großen medialen Rummel gesorgt hatte. In den Jahren darauf war Twitter immer wieder in den Nachrichten ("arabischer Frühling"). Später waren dann viele der Internetkontakte, deren Newsletter ich abonniert hatte, ebenfalls bei Twitter unterwegs. Das überzeugte mich immer noch nicht. Am Ende war es Armin Rohde, ein deutscher Schauspieler, der in der Talkshow 3 nach 9 so überzeugend von Twitter schwärmte, dass ich es mir zumindest einmal ansehen wollte. Das Argument, das bei mir zog, war sinngemäß: Man muss sprachlich wahrhaft gut drauf sein, um in 140 Zeichen echte Botschaften zu vermitteln. Um es gleich vorweg zu nehmen: die wenigsten können das.








Twitter-Inhalte kann (konnte) man (damals - als Laie?) nur anschauen, wenn man selbst einen Account hat(te)*, also legte ich notgedrungen einen an (@fotonanny). Die Funktionen sind schlicht und übersichtlich, das fand ich schon mal gut. Danach kommt es sehr drauf an, wem man folgt. Das mit den 140 Zeichen liegt mir selbst nicht, darum gehöre ich eher zu den Leuten, die Beiträge von anderen retweeten (= weitergeben). Ich habe einige Leute gefunden, die wirklich witzige, manchmal auch tiefgründige Sprüche zwitschern. Die tragischste Geschichte, die ich dabei erlebt habe, war ein wortgewandter Satiriker, der im September 2014 einen Schlaganfall erlitt. Bei Twitter postete er noch ein Foto vom Notarztkoffer und freute sich zuletzt im Oktober 2014 über das hervorragende Essen in der Reha-Klinik. Seitdem ist es ganz still geworden um den ehemaligen "Mafiakiller".

Heute folge ich einigen Personen des öffentlichen Lebens, durchstöbere Neuigkeiten von heise.de oder von Fotografen und Redaktionen, die sich mit Fotografie beschäftigen. Humor und Satire mag ich auch, aber ich beschäftige mich nur mit Twitter, wenn ich Zeit und Lust dazu habe. Eins wurde mir sehr schnell klar: je mehr Leuten man folgt, desto wirrer wird der Wust an Informationen und es wird immer aufwändiger, das Relevante vom Irrelevanten zu trennen. Guten Morgen Twitter-Gemeinde, mein Montagmorgen ohne Kaffee ist scheiße und dergleichen muss man entweder stoisch ertragen oder man drückt den Entfolgen-Button. Mein Leben hat sich durch Twitter nicht verändert. Ich schaue nur rein, wenn ich nach etwas Bestimmtem suche oder mal eine Viertelstunde Kaffeepause mit "bunt gemischter Tüte" machen will. Während ich an meinem Roman gearbeitet habe, habe ich unter einem Zweit-Account vor allem Wissenschaftslinks retweetet und auf diese Weise für mich gesammelt.


Twitter investiert gerade mächtig in Deutschland, weil es hier einfach nicht so dolle läuft. Warum das so ist, wird in einem 45minütigen Beitrag bei ZDF Info (Mediathek) schnell klar. Ende 2015 waren in Deutschland nur 0,9 von 3 Millionen Konten aktiv, die Wirtschaftswoche bezeichnete es als "Nischendienst". Der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Lance Strate findet in der oben erwähnten Reportage gute Worte für die Problematik. Die Kritik von Christopher Lauer (ehem. Piratenpartei) 2013 ist noch härter:

"Tweets sind Kalorien für die mediale Freßmaschine, sie sind der heilige Gral des Verlautbarungsjournalismus, denn es gibt nicht einmal mehr einen Kontext, aus dem sie gerissen werden müssen, sie hatten von Anfang an keinen."

"FAZ: Twitter bringt nichts, es kostet Zeit und Nerven, steigert aber kaum die Wirkung in der Öffentlichkeit. Hierin sind die klassischen Medien unübertroffen."

Es ist klar, dass sich ein Organ der klassischen Medien so positioniert. Dazu kann man stehen, wie man will. Fakt ist, dass die Grenzen zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten bei Twitter weiter verschwimmen, und dass man nicht alles glauben darf, was man dort liest. Ich benutze Twitter als Sprungbrett, das mich im besten Fall an die Stellen katapultiert, wo ich interessante Dinge in Ruhe und Tiefe recherchieren kann. Da auch ich mit diesem Blog-Beitrag Teil dieser medialen Twitter-Kampagne bin, äußere ich auch gleich meine Ahnung: Wer gesehen werden will, braucht womöglich bald die kräftig beworbenen "Twitter Kampagnen" oder einen kostenpflichtigen Account. Wer sich das nicht leisten will, dessen Nachrichten landen dann - wie bei Google - irgendwo ganz weit unten, wo niemand sie sieht?

#TwitterundIch
Twitter erlebe ich oftmals als ein Gezwitscher und Geblöke, bei dem jeder seine eigene Position klarmacht und versucht, seine Themen an den Mann/die Frau zu bringen. Um in der Menge an schnell getakteten Tweets gesehen zu werden, muss man diese im Stundentakt raushauen. Das werde ich auch in Zukunft nicht tun, aber ein gelegentlicher Ausflug zum Nischendienst ist okay. Ich liebe vor allem die Satire zum morgendlichen Kaffee.

Link zu Youtube

* Danke BrunO für den Hinweis, dass das jetzt funktioniert. In der Sendung über Twitter wird das Thema auch erwähnt. Die "geschlossene Gesellschaft" wie bei Facebook hat offensichtlich zu viele potenzielle Nutzer abgeschreckt.

Kommentare:

  1. Hach - das mit Twitter und mir war auch eine lange Liebe.
    Bis man feststellen muss, dass echte Reaktionen zu den eigenen Inhalten oder gar "Freundschaft" nix für ein Medium mit 140 Zeichen und einer Halbwertszeit von 5 Minuten ist.
    Die wenigen Reaktionen auf meine geistigen 140-Zeichen-Ergüsse waren jetzt nicht der Brüller. Und Twitterer mit denen ich gemeint hatte mich verbinde etwas mehr als nur ein 140-Zeichen-Dialog haben mich nachhaltig enttäuscht. Und zum Auskotzen meiner Seele wenn es mir mal nicht ach-so-toll-geht habe ich andere Kanäle.
    Von den falschen Freunden und Kommentatoren habe ich mich verabschiedet, mit denen Menschen wo es sich lohnt halte ich über andere Kanäle Kontakt und ansonsten dient Twitter nur mehr zum Zeitvertreib wenn ich wirklich eine kurze Langeweile habe.
    War schön mit dir Twitter. Jetzt geht es mir besser! ;-)

    Was bleibt ist eine neue Erfahrung. Auch wichtig.

    In diesem Sinne lese ich weiter gute Blogs und kommentiere wo es mir in den Sinn kommt.

    lg, oli

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  2. Lieber Oli,
    freut mich, dass Du meinen Blog liest und dass es Dir in den Sinn kommt, Deine Gedanken hier zu lassen :-) Danke!
    Deine Twitter-Erfahrung deckt sich weitgehend mit meiner. Wenn wir Zeit zu vertreiben haben, sehen wir uns "dort".
    LG, Jacqueline

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