Donnerstag, 18. Februar 2021

Neue Normalität

Liebe Leserinnen & Leser, liebe Fotobegeisterte...

Ich habe lange überlegt, ob ich mich weiterhin in Schweigen hülle und einfach auf Tauchstation bleibe: Beruf und Privatleben trennen. Nachdem ich nun seit vier Wochen als "pflegende Angehörige" eine 60-Stunden-Woche habe, bleibt mir keine andere Wahl. Ich habe schlichtweg keine Zeit für Blogartikel und mein Berufsleben ist bis auf weiteres komplett zum Stillstand gekommen. Es hat nichts mit Corona zu tun. Es reicht, wenn ein naher Angehöriger einen Schlaganfall hat, und danach auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Dass diese Situation irgendwann eintreten würde, war absehbar. Wie einige von Ihnen/von Euch wissen, war ich schon seit 2017 mit der häuslichen Betreuung zunehmend beschäftigt. Nun haben wir vier Monate Klinikaufenthalt plus vier Wochen häusliche Pflege hinter uns. Die Ärzte und Therapeut*innen ihr bestes getan, um meine Mutter für ein Leben zuhause fit zu machen. Sie ist trotzdem weit entfernt davon, ihren Alltag (jemals) wieder selbst zu gestalten. Meine neue Normalität besteht derzeit in einem Lebensentwurf, der diametral entgegengesetzt zu dem ist, was ich jemals angestrebt und gelebt habe. Er entspricht einem Dasein als "Hausfrau und Mutter". Meine Kreativität lebe ich derzeit in der Küche aus. Eigentlich hasse ich das, aber: Ich wusste gar nicht, dass ich so gut kochen kann. 😋

Neue Wörter lernen: "Pflegehilfsmittel"

Weite Strecken meiner 6,5-Tage-Woche verbringe ich mit Hausarbeit und Betreuung, morgens und spät abends werde ich von einem Pflegedienst unterstützt. Nachmittags erledige ich den Papierkram, organisiere Termine für Arztbesuche, Therapeuten und was sonst noch so alles ansteht, und das ist eine ganze Menge. Es ist ein Fulltime-Job. Ich habe mir schon überlegt, ob als dritte Karriere doch nochmal einen Job als Sekretärin und/oder Projektmanagerin in Frage kommt. Pflegehilfskraft wäre eine neue Option. Ich lerne gerade sehr viel, und Sie wissen ja: mit den kreativen Berufen ist es gerade nicht so gut bestellt. Jetzt bin ich systemrelevant, zumindest in meinem ganz privaten Familiensystem. 

Was ist mit dem Fotografieren?
Ich versuche diese Lebensphase fotografisch einzufangen. Manchmal schaffe ich morgens meinen Spaziergang. Es sind meist skurrile Details oder Veränderungen im Lebensumfeld, die ich als Erinnerungsnotizen festhalte.

 


Einen Staubsauger, den man jedes Mal komplett zusammen- und wieder auseinanderbauen muss, damit er in den Wandschrank passt, ist nur eine der Kuriositäten, die sich alte Menschen mit viel Zeit leisten können. Für meinen praxisorientierten und zeitoptimierten Lebensansatz musste ich erst einmal ein paar strukturelle Veränderungen im Haushalt vornehmen. Meine Mutter hat andere Prioritäten - es muss alles schön aussehen, aber das ist oft ziemlich unpraktisch. Im Moment bin ich ganz froh, dass sie die Küche nicht betreten kann, weil die Tür zu schmal für den Rollator ist. Ich habe umdekoriert. 😅

Nachmittags findet sich am ehesten ein Zeitfenster, in dem ich eine Stunde lang am Computer arbeiten kann. Dann öffne ich die Post. Mein neuer Lieblingssport besteht darin, Aktenberge zu erklimmen. Wie viele Anträge habe ich schon ausgefüllt, welche sind schon bewilligt, was kommt als nächster Schritt? Für die geistige Fitness eignet sich das Widerspruch-Gegen-MDK-Gutachten-Einlegen, die 212-seitige Infobroschüre über Pflege studieren, und Abrechnungen des Pflegedienstes kontrollieren. Ein Pflegetagebuch ist ebenfalls nützlich.

Sie haben Post!

 

Patientenakte

Für mich als Autorin ist das Führen eines solchen Pflegetagebuchs auch aus anderen Gründen wertvoll. Sie glauben gar nicht, welch skurrile Anekdoten man erlebt, zum Beispiel wenn ein neuer Rollator geliefert wird. Vorgestern habe ich einen temporären Türschwellenausgleich aus Amazon-Kartons gebastelt und eine Türklinke mit Griff nach oben montiert, damit meine Mutter nicht mit ihrem Pulloverärmel daran hängen bleibt. Wenn dann auch noch der Küchenabfluss verstopft und das Wasser aus der Spüle nicht mehr abläuft, ist es gut, einen handwerklich versierten Ehemann herbeirufen zu können. Es klappt nicht immer, aber wir versuchen es mit Humor zu nehmen

Der Lack ist ab.

Wie lange diese Situation andauert, weiß niemand. Ja, es gibt Pflegeeinrichtungen. Ich weiß noch nicht ob oder wann wir diesen Schritt gehen werden. Auch deshalb ist diese Lebensphase für mich extrem belastend, körperlich und mental. Ich erhalte viel Unterstützung von meinem Mann, von Freunden, von professionellen Dienstleistern, Ärzt*innen und Therapeut*innen. Bei unserer Kranken- und Pflegekasse sind wir gut aufgehoben. Aktuell brauche ich noch ein paar gute Handwerker: Einen Türbauer und einen Elektriker, um genau zu sein. Und zwischendurch brauche ich Pausen, um bei Kräften zu bleiben.

Bleiben Sie gesund. Und damit meine ich "so insgesamt". 

Kommentare:

  1. Liebe Jacqueline Esen,
    gern las ich regelmäßig Ihre Artikel im fotonanny- und betrachtenswert-Blog. Auch wenn wir uns nie persönlich begegnet sind, habe ich Sie durch Ihre offenen und ehrlichen Beiträge ein wenig kennengelernt. Da ich im medizinischen Bereich tätig bin, kann ich sehr gut Ihre momentane Situation nachvollziehen.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute, bleiben auch Sie gesund!
    Falls Sie wieder schreibend tätig sind, werde ich weiterhin eine Leserin Ihrer Beiträge sein.
    Beste Grüße
    Ulrike aus der Uckermark

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