Mittwoch, 24. März 2021

In Ketten tanzen

 

Wann ich zuletzt "richtig" fotografiert habe, kann ich gar nicht mehr sagen. Dazu müsste ich meinen Lightroom-Katalog aus dem letzten Jahr öffnen und nachschauen. Es ist also mindestens drei bis vier Monate her, wahrscheinlich länger. Trotzdem mache ich fast täglich Bilder, die meisten davon mit dem Smartphone, im Vorbeigehen. Meistens habe ich etwas zu transportieren, also keinen Platz für eine große Kamera. Nach dem Gang zum Supermarkt, Bäcker oder in die Apotheke ist mein Rucksack elend schwer, und ich habe wenig Zeit. Ist das, was ich da gerade mache, reine Knipserei, Knipsografie oder doch "Fotografie"?

"Richtig" fotografieren bedeutet für mich, dass ich

  • mir bewusst Zeit zum Fotografieren nehme
  • mir eine konkrete Aufgabe stelle
  • die Belichtungsparameter bei der Aufnahme bewusst steuere, also Zeit/Blende für Gestaltungseffekte einsetze
  • besondere Kamerafunktionen nutze oder ausprobiere
  • bestimmte Fotomotive für Buchprojekte suche und fotografiere, oder
  • mit anderen Fotobegeisterten gemeinsam fotografieren gehe.

Alles das findet momentan nicht statt. Meine Fotografie ist extrem spontan geworden, ich zücke das Smartphone, wenn ich etwas sehe, das ich fotografisch und/oder thematisch interessant finde. Dann muss das Bild mit den einfachsten technischen Mitteln realisierbar sein. Bildausschnitt, Abstand zum Motiv und Aufnahmeperspektive sind die einzigen Möglichkeiten, die mir zur Gestaltung meiner Bilder zur Verfügung stehen, manchmal nutze ich die Belichtungskorrektur am Handy. Es muss schnell gehen, ich kann also auch nicht lange hin und her laufen, um den perfekten Winkel zu suchen. Weil es oft Verwacklungsunschärfe gibt, mache ich mehrere Bilder vom gleichen Motiv mit identischem Bildausschnitt. Dabei achte ich auch darauf, dass der Smartphone-Autofokus auf die Stelle scharfstellt, die mir am wichtigsten ist.

Sehen, gestalten, auslösen

Die wichtigsten Moment ist das Entdecken des Motivs. Dann folgt die Frage: Kann ich das so, wie ich es sehe, mit dem Handy umsetzen? Wenn ich mir nicht sicher bin, probiere ich es trotzdem aus. Diese Schnellschuss-Strategie produziert viel Ausschuss, den ich bei der ersten Sichtung am großen Monitor sofort wieder lösche. 

Die oft flauen Bilder kann ich im Bildbearbeitungsprogramm noch ein bisschen aufpeppen, oder ich lege Effekte aufs Motiv. Auch das darf nicht lange dauern, und dafür gibt es erfreulicherweise die gespeicherten Entwicklungseinstellungen in Lightroom.


Manchmal gelingt es mir auch, mit dem Smartphone im richtigen Moment auszulösen - zum Beispiel um einen vorbeifahrenden Radfahrer einzufangen, dessen Jacke die gleiche Farbe hat, wie der alte Zeitungsstapel im Vordergrund. Ich versuche also, auch mit dem Handy so zu fotografieren, wie ich es mit einer "richtigen" Kamera machen würde. Der Verzicht auf Zoom-Objektive und technisches Feintuning schränkt mich dabei oft ein. Anstatt mich darüber zu ärgern, erkläre ich es zu einer Herausforderung, die ich irgendwie bewältigen, oder aufs Wunschmotiv verzichten muss.


Frei ist, wer in Ketten tanzen kann.
(Nietzsche)

Machen Sie das Beste aus Ihren Bildern und dem Nicht-Ostern. 😏

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