Mittwoch, 12. Februar 2020

Nach dem Sturm

























Ziemlich genau vor einem Jahr hatte ich den Artikel "Im Vorbeigehen" veröffentlicht und darin beschrieben, wie ich meine Motive finde. Damals hatte es gerade heftig geschneit. Heute war ich gespannt und auch ein wenig besorgt, wie es nach dem Orkan "Sabine" auf meiner morgendlichen Stammstrecke aussieht. Die Themen Wetter und Sturm waren also im Hinterkopf verankert. Mit den gefällten Bäumen habe ich das Klischee, nach dem ich gesucht hatte, schnell gefunden. So würde es ein Fotojournalist machen, der den Auftrag hat, über Sturmschäden zu berichten. 

Für mich ist Fotografieren aber kein Reportage-Auftrag, sondern immer eine Entdeckungsreise und gleichzeitig eine Form der Selbstbeobachtung. Welche Motive fallen mir heute auf, was ist diesmal anders als an anderen Tagen?
Es gibt Objekte, die bei mir wie eine "Motivklingel" wirken. Ein Langzeitprojekt trägt den Titel "Lost Things", Fotos von verlorenen Gegenständen. Besonders schön finde ich es, wenn solche Objekte im Bild ein Eigenleben entwickeln:


Blick zum Himmel: Ist der Sturm schon vorbei?




































Der eigene Stil?
Auch der fotografierende Mensch ist ein Gewohnheitstier. Manchmal tauchen uralte Themen auf, die man getrost als "alte Kamellen" bezeichnen kann. Sie kennen das: Strukturen, Muster, Linien, Formen, Farben - diese ganzen Fotoclubsachen, Bildgestaltungsgrundlagen. Als Leitmotiv eignen sie sich immer noch. Sie helfen Ihnen dabei einen Einstieg zu finden, bis Sie bei einem neuen Thema landen, das Sie hier, jetzt, heute stärker motiviert. Die Sammelmotive, die anfangs entstehen, können Sie für einen späteren Zeitpunkt beiseite legen. Denken Sie in größeren Zeiträumen.

Beim Blick in eine Pfütze erinnerte ich mich an ein einzelnes Foto, das ich 1995 zu einer Bildbesprechung mitgebracht hatte. Mein damaliger Fotolehrer meinte: Davon solltest Du mehr machen. Heute war es so weit. Ja, Hermann, manchmal dauert es eben ein bisschen länger. Meine Bilder sind immer noch viel zu schön, wie Du sagen würdest. Selbst in einer Schlammpfütze entdecke ich blaue Kaninchen... 😉

Farben und Formen:
Mit "falsch" eingestelltem Weißabgleich entsteht die kühle Note im Bild.





































Obwohl ich ständig Motive sehe und sehr oft die gleichen Strecken laufe, will ich mich beim Fotografieren nicht ständig wiederholen. Ich versuche im Kopf offen zu bleiben, um Motive zu finden, mit denen ich mich selbst überraschen kann. Beim Blick durch den Sucher denke ich manchmal: Wie jetzt? Das ist komisch, wie soll das gehen? Das ist doch kein Motiv!

Der innere Kritiker
Wenn solche Gedanken auftauchen, ist diese Einschätzung entweder richtig, weil das Motiv wirklich nicht funktioniert, oder es ist nur eine Frage der Gewohnheit. Als geübte*r Fotograf*in hat man erprobte Standards, die sicher funktionieren. Sobald wir von dieser Routine abweichen, andere Motive fotografieren, den Ausschnitt anders gestalten oder neue Kameraeinstellungen ausprobieren, fühlt es sich komisch an. Machen Sie solche Fotos trotzdem und entscheiden Sie später, ob Sie sie behalten wollen. Manche dieser Bilder sind nicht so eingängig, keine Hingucker, sie können aber zu einer "Liebe auf den zweiten Blick" werden. Oder sie sind der Anfang einer neuen fotografischen Phase.

Formen und Strukturen: Das Motiv war bereits "farblos",
deshalb wusste ich schon bei der Aufnahme,
dass ich es in S/W umsetzen würde.






































Ich weiß selbst noch nicht, ob ich dieses Motiv mag, weil es für meine Art des Fotografierens eher untypisch ist. Experimente wie dieses lege ich meistens beiseite und schaue sie mir nach ein paar Monaten oder Jahren wieder an. 

Den Überblick behalten
Damit Sie verstreut im Archiv liegende Fotos später wiederfinden, ist es wichtig, sie im Bildverwaltungsprogramm entsprechend zu verschlagworten. Ein separater Ordner tut es zur Not auch. Eine andere Möglichkeit: Machen Sie sich Notizen. Legen Sie ein Textdokument in Ihren Foto-Ordner und führen Sie Tagebuch. Schreiben Sie stichwortartig auf, welche spontanen Ideen Sie zu bestimmten Fotomotiven haben oder beim Fotografieren hatten. Der Vorteil besteht darin, dass Sie solche Textnotizen sehr schnell durchsuchen können. Ergänzen Sie Ihre Ideen immer weiter, bis das "verborgene Konzept", das Sie anfangs nicht benennen konnten, konkretere Formen annimmt. Auch bei der nächsten fotografischen Flaute, in der keine Ideen kommen wollen, finden Sie in Ihren eigenen Aufzeichnungen Ansätze, woran Sie weiter arbeiten können. Vertrauen Sie dabei auf Ihre Intuition. Fotografieren Sie das, was Ihnen Spaß macht, egal was andere dazu sagen.

Das Unvollendete
Die oben gezeigten Motive ergeben insgesamt keine "stimmige Serie". Das ist selten mein Plan, wenn ich die Kamera mitnehme. Wenn Sie sich beim Fotografieren treiben lassen und keine konkreten Ziele verfolgen, sieht das Ergebnis auf der Speicherkarte wirr und planlos aus. Das macht nichts. Kreativität verabscheut Pläne. Lassen Sie das Chaos erst einmal zu, sortieren können Sie später.


Diese Motive stammen vom Holzstapel, den Sie ganz am Anfang des Artikels gesehen haben.


















Das Zusammenstellen von Serien, Bildpaaren oder Bildkombinationen ist ein Arbeitsschritt, der für die Präsentation wichtig ist. Natürlich ist es nützlich, wenn Sie bei einer einzelnen Fotosession  etwas mehr Material zu einem Thema sammeln. Holzstrukturen und Schlammpfützen hatte ich lange links liegengelassen, heute fand ich sie mal wieder interessant. Das war der Moment, in dem ich von mir selbst überrascht war.

Beim Sammeln über längere Zeiträume und bei verschiedenen Gelegenheiten sind die Lichtverhältnisse jedes Mal völlig anders. Dann passen die Motive zwar thematisch zusammen, lassen sich aber durch die verschiedenen Licht- und Schatteneffekte schlechter miteinander kombinieren. Dagegen gibt es eine Strategie: Sammeln Sie weiter. Manchmal ist so eine Bildersammlung wie eine Schachtel Puzzleteile, zu der die Vorlage fehlt ("das verborgene Konzept"). Probieren Sie immer wieder aus, wo etwas zusammenpasst. Irgendwann finden Sie die Teile, die noch gefehlt haben. Dann können Sie ein Thema abschließen - und sich einem neuen widmen. Zu entdecken gibt es immer etwas. 😊

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