Dienstag, 12. November 2019

Herbstfotos und das Sonnenschein-Klischee

"Wäre es mit ein bisschen Sonnenlicht nicht schöner?", fragte eine beflissene Passantin, als sie mich neulich fotografieren sah. Ich schaute sie an, hob den Fotonanny-Zeigefinger, richtete ihn auf den nebelgrauen Himmel und antwortete: "Ne, das ist SO genau richtig."



Natürlich sehen Herbstmotive bei Sonnenschein auch sehr schön aus. Das heißt aber nicht, dass man dieses Licht zwingend braucht, um schöne Herbstfotos zu machen.

Der vielzitierte Goldene Oktober mit seiner typischen Laubfärbung zieht sich heutzutage oft bis in den November. Richtig trist und schmuddelig wird es erst, wenn das letzte Laub gefallen ist. Momentan sieht man bei uns in München sogar noch relativ viel Grün. So entsteht eine Mischung aus kräftigen Farben, die auch bei bedecktem Himmel und sogar bei Regen ein Foto wert sind.



Ein blauer Himmel ist als Hintergrund nicht zu verachten, weil er noch mehr und andere Farbkompositionen ermöglicht. Bei "schlechtem Wetter" muss man trotzdem nicht auf die kühlen Farbtöne verzichten: Mit einem kühler eingestellten Weißabgleich wird der Straßenasphalt im Foto leicht bläulich, und man bekommt auch einen Kalt-Warm-Kontrast.



Der Vorteil an strahlendem Sonnenschein besteht darin, dass man weniger Probleme mit der Belichtungszeit hat, und mit niedrigem ISO-Wert fotografieren kann - mehr Schärfe, Schärfentiefe und weniger Bildrauschen. Dafür muss man stärker auf Hell-Dunkel-Kontraste achten, damit helle Bildpartien nicht überstrahlen oder dunkle Bereiche nicht zu finster werden. Das menschliche Auge gleicht solche Kontraste automatisch aus, an der Kamera muss man die Kontrastanpassung aktivieren oder den Aufhellblitz zuschalten.

Diffuser Herbstnebel und ein weißer Himmel beleuchten das Motiv gleichmäßig, es gibt keine harten Schatten und wenig Kontrast. Das weich gestreute Licht ist schwächer, dadurch verlängert sich die Belichtungszeit und/oder der ISO-Wert geht nach oben. Es droht Verwacklungsgefahr, oder es entstehen Wischeffekte, wenn sich im Motiv etwas bewegt. Die Kamera tendiert in der Automatik zur offenen Blende, dadurch wird die Schärfentiefezone kleiner, und man muss genauer scharfstellen. Dieser Nachteil lässt sich bei geschickter Bildaufteilung in einen Vorteil verwandeln. Mit selektiver Schärfe löst sich das Motiv viel besser vom Hintergrund.



Beim Fotografieren mit dem elektronischen Sucher (FZ1000 II) fiel mir auf, dass die Farben darin minimal anders aussahen, als beim Blick mit bloßem Auge. Im Sucher gab es weniger feine Unterschiede zwischen Grün und Gelb, alles sah eher grün aus. Am Computer waren diese Unterschiede im Motiv wieder sichtbar. Die Kamera hatte sie also registriert und aufgezeichnet, nur der elektronische Sucher hatte diese Feinheiten unterschlagen. 

Normalerweise tendiere ich zu Motiven, die klar und minimalistisch sind. Ein Blick genügt, und der Betrachter hat verstanden. Diesmal habe ich mich auch an Szenen gewagt, die sehr viele Details enthalten, und schon beinahe als "überladen" bezeichnet werden können. 


Solche Bilder sind erheblich schwieriger zu gestalten, weil man einen Blickfang braucht, der den Betrachter ins Bild hineinführt. Man muss länger hinschauen und ein größeres Format an einer Wand ist dafür geeigneter, als Minibilder im Internet, wo es der geneigte Leser meistens eilig hat.
Darum an dieser Stelle nur noch ein letzter Hinweis: Ist Ihnen aufgefallen, dass der weiße Himmel auf keinem dieser Bilder zu sehen ist?


In dieser ersten Variante ist der Zaun am unteren rechten Bildrand zu stark angeschnitten, die weiße Fläche oben rechts bietet keinen Abschluss des Motivs, und die kahlen Zweige lenken den Blick in genau diese Fläche, in der es nichts zu sehen gibt. Darum habe ich mich für das 1:1-Format entschieden, in dem das rote Laub und der Weg mit den angedeuteten Passanten eine visuelle Klammer bilden, zwischen der sich das Auge bewegen kann. 



Vielleicht haben Sie jetzt Lust bekommen, auch bei vermeintlich tristem Wetter noch einmal auf Motivsuche zu gehen, bevor die farbige Pracht dem winterlichen Braungrau weicht? Wenn Sie für maximale Schärfe und hohe Schärfentiefe ganz sicher gehen wollen, nehmen Sie ein Stativ mit. Der Herbst ist nicht nur bunt, er hat viele Gesichter. Suchen Sie danach, jenseits des typischen Sonnenschein-Klischees.


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