Freitag, 20. März 2020

Fotografie im Ausnahmezustand


Seit Montag herrscht in Bayern Ausnahmezustand. Die Anweisung lautet: zu Hause bleiben, um sich selbst oder andere nicht anzustecken und die Verbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. In einigen Gemeinden gab es bereits "Ausgangsbeschränkungen", seit heute Mittag ist es amtlich: sie gelten jetzt für ganz Bayern. Es ist gut möglich, dass diese Einschränkung ab nächster Woche auf ganz Deutschland ausgeweitet wird. 

Nun sind wir Fotografen Menschen, die ihre Motive gerne im Freien suchen. Solange Sie das alleine tun und Abstand halten, gefährden Sie niemanden. Zuhause bleiben mit wenig "alternativen Beschäftigungen", noch dazu bei strahlendem Frühlingswetter ist für die meisten Menschen eine echte Herausforderung. Heute bekommen Sie jede Menge Inspirationen, was Sie auch zuhause mit Ihrer Kamera machen können, damit Ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt. 


1. Heute wird gezoomt oder geschwenkt
Öffnen Sie das Fenster oder gehen Sie auf den Balkon und schauen Sie einmal nach, was sich innerhalb der Reichweite Ihres Objektivs an Motiven finden lässt. Respektieren Sie die Privatsphäre Ihrer Nachbarn - vor allem wenn Sie eine Nikon P1000 besitzen. Ich meine: Halten Sie Ausschau nach Blüten, Knospen, Piepmätzen, Eichhörnchen oder interessanten Strukturen und Schattenwürfen. Ziehende Wolken haben etwas Beruhigendes (Stichwort "Wolkensammler") und ein farbiger Himmel liefert sowieso tolle Motive. Ist der Blick auf den Sonnenuntergang verstellt, probieren Sie den Wischeffekt mit bewegter Kamera ("Pseudo-Bewegung"). Den erreichen Sie mit langer Belichtungszeit (Modus S/Tv mit 1/2 s + schnellem Kameraschwenk).

Modus S, 1/4 s, ISO 125 - Kameraschwenk

2. Wassertropfen und mehr
Bei Regen können Sie die Wassertropfen an der Fensterscheibe fotografieren. Durch eine veränderte Aufnahmeperspektive verändern sich die Farben und Strukturen im Hintergrund. Spielen Sie zusätzlich mit der Blendenöffnung für unterschiedliche Ergebnisse (Modus A/Av).

Tropfenmotive können Sie übrigens auch mit einem Wasserglas oder anderen transparenten Materialien bewerkstelligen. Wenn Ihnen diese Idee zu simpel ist, dann kombinieren Sie ein Motiv mit hellen Tropfenstrukturen mit anderen - auch älteren - Motiven am Computer.


So ein Motiv macht alleine noch nicht viel her...

... aber als Sandwich wird es interessant.
(Photoshop-Montage)

Alternativ können Sie solche Aufnahmen mit der Funktion "Doppelbelichtung"machen ( z.B. Lumix-Kameras). Optionale Nebenaufgabe: Mal wieder Fenster putzen? So vergeht die Zeit schneller, und Sie haben auch noch etwas Nützliches getan. 😉 


3. Dekorativ
Es gibt viele Dinge, die die Welt eigentlich nicht braucht, aber fast jeder hat irgendeinen Nippes bei sich zu Hause herumstehen. Machen Sie die Mitbringsel aus Urlauben, Geschenke und Raumdekorationen zum Thema Ihrer Bilder.  

Nebenaufgabe für Praktisch Veranlagte: Nutzen Sie diese fotografische Bestandsaufnahme gleich als Anlass für eine Entrümpelungsaktion. Die Wertstoffhöfe sind momentan geschlossen, aber wenn sich das Leben wieder normalisiert, können Sie Ihren nicht mehr benötigten Kleinkram entsorgen oder auf einem Flohmarkt feilbieten. 


Die Objekte, die Sie bei diesem Projekt fotografieren können, sind in aller Regel nicht besonders groß und lassen sich mit einem Normal- oder Weitwinkelobjektiv abbilden. Mit einer längeren Brennweite ist es einfacher, weil Sie den Bildwinkel und den Bildausschnitt enger machen können. Bei sehr kleinen Gegenständen kann auch ein Makroobjektiv beziehungsweise die Makroeinstellung an der Kompakt- oder Bridgekamera zum Einsatz kommen. Weil das Tageslicht in Innenräumen oft nicht zum Fotografieren ausreicht, ist ein Stativ generell sinnvoll. 

Fotografieren mit Blitz oder hohem ISO-Wert ist möglich, schöner werden die Bilder aber, wenn Sie auf den Standardblitz verzichten und den niedrigsten ISO-Wert verwenden, den Ihre Kamera anbietet.
Wenn die Raumbeleuchtung eingeschaltet ist, müssen Sie zusätzlich auf den Weißabgleich achten, damit Ihre Fotos nicht farbstichig werden. 

Damit die Gegenstände möglichst scharf abgebildet werden, sollten Sie auf die Blendeneinstellung achten. Benutzen Sie am Einstellrad die Position Av/A (Blendenvorwahl), und wählen Sie f8 bis f16 für eine größere Schärfentiefe. Mit f5,6 und weniger verringert sich der Bereich im Bild, der scharf erscheint. Ob Sie die Wirkung der offenen Blende für Ihre Aufnahmen nutzen wollen, hängt von Ihrer Bildidee ab. Vor allem wenn Sie die Blende schließen, das heißt auf f8 und mehr abblenden, und den ISOWert unverändert auf 100 lassen, verlängert sich die Belichtungszeit deutlich. Verwackelte Aufnahmen sind die Folge, und das sollten Sie bei solchen Motiven unbedingt vermeiden (> Stativ verwenden oder Kamera auflegen).  

Beim Fotografieren von unbelebten Gegenständen gibt es verschiedene Darstellungsmöglichkeiten. Sie können eine ganz schlichte, eher neutrale Wiedergabe des Motivs anstreben, also eine Art dokumentarische Objektfotografie, ganz ohne Schnickschnack. Hier ist ein improvisierter Aufnahmetisch mit einer sogenannten "Hohlkehle" nützlich. 


Arbeitsfläche in der Küche oder Badewanne: Ein Mini-Tabletop-Studio ist mit einfachen Mitteln schnell auf- und wieder abgebaut.


Interessanter wird es meistens dann, wenn Sie den emotionalen Aspekt der Sammlung betonen. Lassen Sie die Gegenstände durch Perspektive, Licht, Farbe und Hintergrund lebendiger und einladender erscheinen. Vor einem neutralen, flächigen Hintergrund wirken aufgestellte Gegenstände oft nicht so dekorativ. Fotografiert man sie in ihrem "natürlichen Umfeld", erhalten sie durch die Umgebung einen assoziativen Rahmen, die Fantasie des Betrachters wird stärker angeregt. Damit das Foto wirkt, darf die Umgebung aber auch nicht zu dominant werden, sonst besteht die Gefahr, dass sie vom eigentlichen Thema ablenkt. Eine offene Blende kann hier gute Dienste leisten. 

Auch die Beleuchtung spielt eine wichtige Rolle: Weiches, diffuses Licht erzeugt eine völlig andere Stimmung als eine harte, schattenreiche Beleuchtung. Nachmittagslicht hat eine andere Farbstimmung als Mittagslicht, Neonröhren und Spotstrahler verändern ebenfalls die Anmutung Ihrer Fotos. Ist nur das Motiv im Vordergrund angeleuchtet, versinkt der dahinterliegende Raum in dezenter Dunkelheit, ohne ganz zu verschwinden. Dadurch entsteht mehr Tiefe im Bild.

Diese Projektbeschreibung stammt aus meinem ersten Buch Fotografieren!, das mittlerweile nicht mehr aufgelegt wird. Darin finden Sie viele weitere Projektideen. Im Handel/Antiquariat ist es gebraucht ab 7.99 noch erhältlich. (Amazon)

Küchenleben: Oli hat auf seiner Seite Shashin-Do schon im Januar wunderbar gezeigt, wie man aus einer Besteckschublade tolle Motive hervorzaubern kann. Bei dieser Gelegenheit könnte man außerdem gleich die lästigen Krümel aus den Schubladen entfernen und mal wieder richtig saubermachen: Frühjahrsputz inklusive!

4. Kreativ inszenieren
Weitere sehr schöne Beispiele für lustige Inszenierungen finden Sie bei Helga Stenzel (Instagram), darunter auch viele Videos. Solche Trickfilme können Sie mit der Funktion Stop-Motion-Animation von Lumix-Kameras aufnehmen. Wenn Sie Kinder im entsprechenden Alter haben, lassen Sie sie mitwirken: Erwecken Sie Playmobil-Figuren oder Ähnliches in einem kleinen animierten Video zum Leben. Es muss nicht perfekt sein. Sie brauchen kein Studio. Legen Sie die Objekte notfalls auf den Boden und fotografieren (mit dem Stativ) steil von oben nach unten.

5. Was sich immer anbietet: Stöbern im Archiv
Ich wiederhole mich, wenn ich auf mein Digitalisierungsprojekt hinweise. Auf mich warten noch knapp 10.000 gescannte analoge Bildmotive. Deren Bearbeitung wird mich wahrscheinlich noch jahrelang beschäftigen, wenn ich die Fussel, den Staub und die Kratzer aus allen Bildern komplett entfernen will. Das klingt langweilig, ist aber Bildbearbeitung ist auch sehr meditativ. Im Hintergrund läuft derweil schöne Musik, ein Hörbuch oder interessante, lehrreiche Vorträge bei Youtube. Lernen Sie mehr über Quantenphysik oder was auch immer Sie interessiert. Sie können sogar nebenher telefonieren, während Sie Ihre Bilder gemütlich retuschieren. Beim Blättern durch alte Fotoschätze startet sowieso das "Kopfkino" und damit überbrücken Sie den Ausnahmezustand garantiert. 😁 Bleiben Sie gesund und vor allem munter. 💔

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