Mittwoch, 28. Oktober 2020

Naturfotografie in der Stadt

Beim Begriff Naturfotografie denkt man als FotografIn nicht unbedingt an eine städtische Umgebung. Der klassische Naturfotograf prüft die Wettervorhersage, dann zieht man hinaus in die unberührte Natur und wartet oft stundenlang auf das richtige Licht. Bewaffnet mit Kaffeekanne, Stativ und dickem Fotorucksack entstehen die magischen Bilder von dramatischen Landschaften und faszinierenden Wildtieren. So kann man es machen, muss man aber nicht.

Nun habe ich das Glück in einer Stadt zu leben, die man im Sommer angeblich aus dem Flugzeug fast übersieht, weil es hier so viel Grünzeug gibt. München ist durchzogen von Parks und entlang der Isar erstrecken sich die weitläufigen Isarauen. Dort habe ich in diesem Sommer erstmals Eisvögel gesehen, und dann auch noch einen Biber für ein treibendes Stück Holz gehalten. Ich wusste zwar, dass es am Deutschen Museum eine Biberkolonie gibt, konnte mir aber nicht vorstellen, einem leibhaftigen Biber am weiter oben gelegenen Badestrand zu begegnen. Er jagte einen Hund aus dem Wasser!

Derweil saß ein junges Pärchen am Ufer, beide schauten in ihre Smartphones und bekamen gar nicht mit, dass ein halbes Dutzend blauer Schmetterlinge hinter ihnen herumflatterten. Schade, dass ich keine Kamera dabei hatte, aber diese Szenen haben sich auch ohne Bildbeweis in mein Gedächtnis eingegraben. 😉

Schauen Sie sich in Ihrer Umgebung um. Die Natur ist vielleicht nicht so spekakulär wie in fernen Ländern oder Nationalparks, aber es gibt eine Menge zu entdecken. Meine Naturstudien entstehen meistens auf dem Weg ins Büro. Inzwischen gehe ich eine halbe Stunde früher los - je nach Wetterlage und Lichtverhältnissen plane auch ich etwas mehr Zeit ein. Weil es fast immer dieselbe Strecke ist, eignet sie sich hervorragend für Langzeitbeobachtungen. Die große Buche im Bild oben hatte ich im April zum ersten Mal fotografiert. Sie steht an einem steilen Abhang, hinter dem morgens die Sonne aufgeht. Diese klassische Gegenlichtsituation ist immer eine Herausforderung für die korrekte Belichtung

Motiv analysieren, passende Technik wählen

Wenn man Bäume oder andere Naturmotive fotografiert gibt es zwischen dem Laub immer wieder Lücken, an denen das Motiv zwangsläufig ausblutet. Deshalb fotografiere ich im RAW-Format und mache Belichtungsreihen. Am Computer wähle ich später die Aufnahme aus, bei der ich die Tiefen (Schattenbereiche) des Motivs noch gut aufhellen und die Lichter halbwegs abdunkeln kann (Tiefen-Lichter-Korrektur). Weil ich kein Stativ benutze, entfällt die Option einer HDR-Aufnahme, ich muss also wie früher mit einer gut belichteten Datei auskommen. Das geht, weil moderne Sensoren diesen Kontrastumfang erheblich besser bewältigen als in den Anfangstagen der Digitalfotografie. Die Funktion iDynamik an meiner Lumix möchte ich in solchen Situationen nicht missen - sie lässt sich auch im RAW-Modus aktivieren. Trotzdem ist es hinterher bei vielen Motiven notwendig, die Tiefen und Lichter am Computer nachzuregeln.

Geschickt gestalten - genau belichten

Damit das halbwegs funktioniert, versuche ich schon bei der Aufnahme den Bildausschnitt so zu gestalten, dass es nur wenige helle Bereiche enthält. Manchmal reicht es, ein paar Schritte weiter zu gehen, aus einer anderen Aufnahmehöhe zu fotografieren, oder den Bildwinkel mit dem Zoom leicht zu verändern. Achten Sie darauf, dass vor allem die großen hellen Zonen verdeckt oder außerhalb des Bildrahmens bleiben.

Bei der Belichtungsmessung verlasse ich mich auf die Mehrfeldmessung, verwende aber bei Bedarf eine Belichtungskorrektur. Dreht man den Regler nach Minus wird das Bild ingsgesamt dunkler, Regler nach Plus macht das Bild heller. Ich belichte das Motiv tendenziell etwas dunkler, damit die kritischen Lichter nicht schon bei der Aufnahme überstrahlen. Als Hilfsmittel kann man sich die Überbelichtungswarnung am Monitor anzeigen lassen. Mich stört dieses hektische Blinken, deshalb nutze ich die Funktion nur selten. Sie markiert oft zu viele Stellen, die nach meiner Einschätzung nicht relevant fürs Motiv oder schlichtweg unvermeidlich sind.

Ab in die digitale Dunkelkammer

Bei der Angleichung von Lichtern und Tiefen entstehen bzw. verstärken sich farbige Artefakte an den Kontrastkanten, die sogenannte chromatische Aberration (Wikipedia). Diese lässt sich im Bildbearbeitungsprogramm gut auskorrigieren. Beim Aufhellen des Motivs stellt sich mir oft die Frage, wie nahe ich an der erlebten Wirklichkeit bleiben will. Unter den Bäumen ist es dunkel, und zwar ziemlich. Die Darstellung im Foto entspricht also nicht der Realität, genausowenig wie es die Originalaufnahme tut, die eigentlich viel zu dunkel ausfällt. Die Bearbeitung ist für mich immer ein Mittelweg.

Aufnahmen wiederholen?

Ganz oben sehen Sie die Grüntöne aus dem April. Bei der Aufnahme vom 20. Oktober mischten sich die ersten Gelbtöne ins Motiv. Als es nachts sehr kühl wurde, wusste ich, dass der Farbwechsel danach sehr schnell gehen würde. Innerhalb einer Woche, am 26. Oktober, hatte sich die Färbung komplett verändert. Regen und Wind beschleunigen jetzt die weitere Entwicklung. Das Laub wird schütter, die weißen Flächen werden größer. Bald ist es vorbei mit diesem Motiv - für dieses Jahr. Aber es gibt ja noch andere Szenen, denen man sich zuwenden kann.

Zwischen den beiden folgenden Aufnahmen liegt nur ein Tag. Die Laubfärbung hat sich nur wenig geändert, aber es hatte lange und intensiv geregnet. Die silbergrauen Stämme der Buchen werden dann dunkelgrau und wirken beinahe schwarz. Vor diesem Hintergrund hebt sich das Herbstlaub viel besser ab, die Farben wirken noch intensiver.


Jedes Motiv hat andere Herausforderungen

Beide Bilder sind bei bewölktem Himmel entstanden. Das schadet den Farben nicht, aber man muss auf andere Kleinigkeiten achten. Im Schatten von Bäumen gibt es generell wenig Licht. Das führt beim Fotografieren dazu, dass der ISO-Wert steigt. Das verstärkt das Bildrauschen, was sich auf die Schärfe und Detailgenauigkeit negativ auswirkt. Bei geringer Lichtintensität tendiert die Kamera im Automatikbetrieb zur offenen Blende (kleine Blendenzahl, z.B. f2,8). Folglich ist die Schärfentiefezone gering und man muss sehr genau darauf achten, dass der wichtigste Blickfang im Motiv vom Autofokus-Messfeld erfasst wird. Nur dieser Punkt bzw. diese Ebene wird im Foto wirklich scharf abgebildet. Wenn man die Blende weiter schließt (z.B. f5,6 oder f8), verlängert sich die Belichtungszeit. Dann droht Verwacklungsgefahr, außer man greift zum Stativ. 

Als erfahrene/r FotografIn kennen Sie diese Zusammenhänge des Belichtungsdreiecks. Ich nenne es manchmal das teufliche Dreieck, aber so schlimm ist es nicht. Sie müssen nur einen Kompromiss finden. Sollte man vielleicht nur bei strahlendem Sonnenschein fotografieren und die Sonne im Rücken haben um Probleme zu vermeiden? Manchmal ja, manchmal nein: Es kommt aufs Motiv und auf die jeweilige Situation an. Deshalb erscheint es manchmal auch so schwer fotografieren zu lernen. Am besten probieren Sie verschiedene Motive in verschiedenen Varianten aus und schauen selbst, was für Sie funktioniert - Übung macht den Meister.

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