Montag, 8. Juni 2020

Kreativunfall


Als ich neulich wieder so einen Mülleimer mit meinem Smartphone fotografierte, ist mir beim Wegstecken des Handys dieser "Kreativunfall" passiert - ein fast perfekter "Dreher", reiner Zufall. Solche Bilder hatte ich vor einigen Jahren schon einmal absichtlich gemacht. Am besten klappt das mit kleineren Kompaktkameras, weil man die sehr gut aus dem Handgelenk um die eigene Achse drehen kann. 
Das oben gezeigte Handyfoto ist mit 1/100 s entstanden, da käme bei einer "normalen" Kamera höchstens ein (leicht) verwackeltes Bild heraus. Aber der Effekt im Bild hängt eben auch davon ab, wie und vor allem wie schnell sich die Kamera während der Aufnahme dreht oder bewegt. 

Als ich den kuriosen Schnappschuss sah, nahm ich das als einen Wink des Schicksals, holte meine Lumix aus dem Rucksack und versuchte bei ein paar Motiven, den gleichen Effekt bewusst zu erzeugen. 

Wie macht man das?

1. Motivwahl
Dieser rote Behälter steht an einem am Teich mitten im Grünen - Motivklingel. Das gibt einen schönen Farbkontrast, egal wie (un)scharf das Foto wird. Achten Sie auf interessante Farben. Auch bei "Wischfotos" ist es gestalterisch von Vorteil, wenn man zumindest im Ansatz irgendein Objekt im späteren Bild erkennt, und als Blickfang nutzen kann. 

Kamerarotation um die Objektivachse, 1/6 s

2. Kameraeinstellungen
Ich verwende den Modus S, um eine lange Belichtungszeit einzustellen, den Rest lasse ich die Automatik regeln. Mit 1/5 s oder 1/6 s komme ich bei der Wisch- und Drehtechnik am besten zurecht. Weil die Belichtungszeit ohnehin lang ist, bleibt der ISO-Wert meist niedrig. Die halbautomatisch eingestellte  Blendenstufe regelt die Helligkeit ebenfalls. Über Schärfentiefe (Effekt der Blende) braucht man sich bei verwischten Bildern keine Gedanken machen. Den Bildstabilisator sollte man ausschalten, den Autofokus kann man ausschalten, nachdem man vorher auf das gewünschte Objekt scharfgestellt hat.

3. Fallstricke

  • Bei einer zu hellen Umgebung, bekommt man mit Kameras, deren Blende nur bis f8 oder f11 reicht, sofort überbelichtete Fotos. Da hilft dann nur ein Graufilter, notfalls auch ein Polfilter, um die Belichtungszeit verlängern zu können. Wenn das passiert: Suchen Sie sich Motive im Schatten, experimentieren Sie an düsteren Regentagen oder in der Dämmerung.
  • Die Verteilung von Lichtern und Schatten im Motiv beeinflusst das Ergebnis massiv. Sehr helle Bereiche überstrahlen - das kann schön aussehen oder das Bild zu unruhig machen. Weil das Ergebnis immer auch vom Zufall abhängt sollten Sie pro Motiv mehrere Versuche wagen.
  • Nahe Motive eignen sich nach meiner Erfahrung schlechter für Wischeffekte als solche, die weiter entfernt sind (5 Meter und mehr). Wie bereits erwähnt ist es mit kleinen und leichten Kameras einfacher als mit großen schweren, insbesondere wenn man sie in eine schnelle Rotationsbewegung versetzen will. 

4. Aufnahmetechnik
Das mit dem Dreh aus dem Handgelenk muss man üben. Für einen schönen kreisförmigen Dreh-Effekt darf man die Kamera nur um die Objektivachse drehen. Man kann zwar die Belichtungszeit verlängern, dann hat man mehr Zeit zum Drehen, aber die Bewegung ist dann nicht mehr so rund und das Motiv sieht eher wacklig oder eiförmig aus.

Eine Alternative sind die "klassischen" horizontalen oder vertikalen Schwenks. Dann verlaufen die Linien im Bild gerade und das Motiv sieht natürlich völlig anders aus. Als es noch nicht so üppig grün war, hatte ich das heuer mit der roten Hütte schon einmal ausprobiert:

Vertikaler Schwenk für abstrakte Linien mit 1/6 s

Bei einem meiner Lieblingsbäume schien die Morgensonne gerade in den Hintergrund und erzeugte die hellgrünen und orangen Lichtspuren. Sehr viel mehr davon hätten es für meinen Geschmack nicht werden dürfen.

Kamerarotation um die Objektivachse, 1/6 s
Fokus und Rotationspunkt gezielt auf den Baumstamm


Wenn man fast alles dem Zufall überlässt, kann es auch ziemlich malerisch werden... Das folgende Motiv ist  "blind" fotografiert. Ich hatte die Kamera auf Höhe des Oberschenkels, sie war weiterhin auf 1/6 s Belichtungszeit eingestellt und bekam beim Auslösen noch einen leichten Schlenker aus dem Handgelenk mit. Lassen Sie den Zufall mitspielen, er entpuppt sich oft als unglaublich guter Freund. 😀


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Kommentare:

  1. Hallo,
    wieder einmal ein anregender Beitrag. Vielen Dank.
    Mich wundert etwas das Bild mit dem roten Kasten. Wieso ist dieser so relativ klar zu erkennen und nicht auch total verwischt? Mach ich einen Denkfehler?
    Viele Grüße
    Klaus

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    1. Hallo Klaus,
      das hängt davon ab, wohin man die Rotationsachse legt. In der Mitte ist das Bild weniger stark verwischt als außen; wenn es also gelingt, die Kamera auf das Objekt zu richten, scharfzustellen und dann die Kamera genau um diesen Punkt herum zu drehen, bleibt das Motiv sichtbar > siehe auch bei den Motiven im Projektfotoblog. Ein Mathematiker oder Physiker könnte das wahrscheinlich exakter erklären: Die relative Bewegungsgeschwindigkeit außen am Sensor ist höher als in der Sensormitte, dadurch ergibt sich dieser Effekt. Das ist beim Zoom-Effekt (Zoomen während der Belichtung) ähnlich.
      Und: Freut mich, dass der Beitrag gefällt.
      Herzliche Grüße,
      Jacqueline (fotonanny)

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